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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Als die Räte an die Macht kamen

06.11.2018

Wilhelmshaven /Oldenburg Matrosen verweigern Vorgesetzten die Befehle, über dem Schloss in Oldenburg weht die rote Fahne, Arbeiter- und Soldatenräte reißen die Macht an sich – das Oldenburger Land und die preußische Stadt Wilhelmshaven erlebten vor genau 100 Jahren aufregende Zeiten. Mit der Befehlsverweigerung auf den kaiserlichen Kriegsschiffen, die vor Schillig in der Jade lagen und zu einer Entscheidungsschlacht, man kann auch Verzweiflungsschlacht dazu sagen, auslaufen sollten, begannen am 29. Oktober die revolutionären Tage, die ganz Deutschland verändern sollten. Zwei Wochen später waren der Kaiser und der Oldenburger Großherzog Friedrich August zurückgetreten, war die Republik ausgerufen.

Die meuternden Matrosen von den Schiffen vor Schillig wurden in Wilhelmshaven und Kiel arrestiert. Und von Kiel, wo ein Protest von Tausenden Soldaten am 3. November niedergeschossen war, breitete sich der revolutionäre Funke über die Hafenstädte an Nord- und Ostsee aus. Bald erfuhr man auch in Oldenburg und Wilhelmshaven von den tödlichen Schüssen auf die Demonstranten. Überall gab es Kundgebungen von Soldaten, es bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, unter anderem in Wilhelmshaven, bald auch in Oldenburg, die die Macht ausübten. In Wilhelmshaven rief der radikale Sozialdemokrat Bernhard Kuhnt die Sozialistische Republik Oldenburg-Ostfriesland aus. Ein Konstrukt, das wenige Monate existierte. Großherzog Friedrich August trat am 11. November zurück und verließ Oldenburg. Statt seiner Minister bildeten nun Demokraten die Regierung im Freistaat Oldenburg (zu dem übrigens nicht Wilhelmshaven gehörte, das preußisch war). Monate der Doppelherrschaft begannen – die radikalen Arbeiter- und Soldatenräte in Wilhelmshaven, Jever und Varel auf der einen Seite, eine (noch nicht durch Wahlen legitimierte) Regierung (Landesdirektorium) mit einer staatlichen Verwaltung auf der anderen Seite. Die radikalen Räte waren auf die linke USPD und die (1919 gegründete) KPD orientiert, im übrigen Oldenburger Land dominierten die auf die Mehrheits-SPD orientierten Sozialdemokraten.

Etwas spukhaft müssen die letzten Regierungstage des Großherzogs gewesen sein. Friedrich August ließ den Landtag am 5.November zu einer Sitzung ins Schloss (!) rufen, wo er die Landtagsmitglieder in feldgrauer Uniform empfing und eine Thronrede verlas. Die revolutionäre Entwicklung hielt er damit nicht auf. Der Wilhelmshavener Mehrheits-Sozialdemokrat Paul Hug drängte die Minister auf den Rücktritt des Herzogs. Eine oldenburgische Besonderheit: Als einziger deutscher Landtag wurde der in Oldenburg nicht aufgelöst. Er existierte weiter bis zur ersten Landtagswahl in der Republik (am 23. Februar 1919). Die Wahlen im Januar (Reichstag) und Februar (Landtag) waren die ersten Wahlen, bei denen auch Frauen wählen durften (und sich wählen lassen durften). Frauenwahlrecht – das war übrigens eine Forderung, für die Paul Hug schon 1899 eingetreten war.

Wer hatte nun die Macht? In Wilhelmshaven (circa 20 000 Einwohner, dazu das 50 000 Einwohner zählende Rüstringen, das zu Oldenburg gehörte) zweifellos der radikale 21-Rat mit Bernhard Kuhnt an der Spitze, der formell auch der Präsident des Oldenburger Landesdirektoriums und damit eine Art Ministerpräsident war. In Oldenburg und zahlreichen anderen Orten im Freistaat, wo sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet hatten, arbeiteten die Verwaltung einfach weiter, die gemäßigten Kräfte waren dort kein Gegengewicht.

Das Ende der Doppelherrschaft kam im Januar 1919 in Wilhelmshaven, als die Spartakisten sich in der Tausend-Mann-Kaserne verschanzten und ihr Aufstand von Berufsoffizieren, die sich bewaffnet hatten, blutig niedergeschlagen wurde.

KPD-ler und radikale USPD-ler hatten am 27. Januar in Wilhelmshaven wichtige Gebäude besetzt und die sozialistische Räterepublik (nach Bremer Vorbild) proklamiert. Die erhoffte Unterstützung blieb aus, die Werftarbeiter arbeiteten weiter, es kam zu einem Proteststreik der Fernsprechamt-Mitarbeiter, deren Gebäude besetzt war.

Am 30. Januar war die Ruhe wiederhergestellt, mit Artillerie war die Kaserne, das Hauptquartier der Spartakisten beschossen worden. Acht Tote und 46 Verletzte hatte der Aufstand gekostet. Der Sozialdemokrat Gustav Noske, einst Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats in Kiel, schickte Freikorpssoldaten. Der 21-er Rat wurde aufgelöst, zum Zivilgouverneur wurde Paul Hug ernannt.


Mehr Infos unter   www.nwzonline.de/matrosenaufstand 
Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091
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