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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wo alte Nazis friedlich ruhen dürfen

27.09.2014

Conneforde /Hude Sie ruht jetzt unter Eichen. Durch die Äste blinzelt freundlich die Spätsommersonne, dahinter leuchtet grün der See. Vögel zwitschern. Auf ihrem Grabstein steht ihr Leitspruch, ein Satz von Schiller in Frakturschrift: „Was man nicht aufgibt, hat man nicht verloren“.

Gertrud Herr, geboren 1910, begraben 2003, hat ihren Irrglauben nie verloren. Bis ins hohe Alter leugnete die frühere Führerin im „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) den Holocaust.

Ein anderer Findling, ein anderer brauner Name: Hans Hertel liegt hier begraben, SS-Mann und späterer Landtagsabgeordneter der rechtsextremen Deutschen Reichspartei. Wilhelm Tietjen, NSdAP-Mitglied und Namensgeber der rechtsradikalen Wilhelm-Tietjen-Stiftung, hat hier einen Stein. Ebenso Dr. Alfred Thoß, Verfasser völkischer Bücher und NS-Propagandaschriften. Und auch Erich Glagau, inzwischen 100, hat sich hier eine Grabstelle reserviert: ein in Hessen lebender Autor, der laut American Jewish Comitee „in etlichen Büchern gegen Juden gehetzt hat“ und die Judenvernichtung ein „Märchen“ nennt.

Die idyllische „Ahnenstätte Conneforde“ in der Gemeinde Wiefelstede (Ammerland), auf der auch zahlreiche unbescholtene Bürger aus der Region ihren Frieden fanden, ist offenbar eine beliebte letzte Adresse für alte und neue Nazis aus ganz Deutschland.

Gedenken an Ludendorff

Gegründet wurde die Ahnenstätte 1958 unter Mithilfe von Marie Adelheid Reuß-zur Lippe, NSdAP-Mitglied seit 1930, genannt „Die braune Prinzessin“. Es gab ein Vorbild, es liegt knapp 50 Kilometer weiter südlich: in Hude (Landkreis Oldenburg).

Die Landschaft schlägt sanfte Wellen, zwischen Wacholderbüschen und Birken blüht Wildheide. „Ahnenstätte Hilligenloh“ steht über einem Holzportal, dahinter verbergen mächtige Rhododendren zwei Findlinge. Der linke Stein ehrt den „grossen Freiheitskämpfer“ General Erich Ludendorff, der 1923 mit Adolf Hitler zum Putschversuch auf die Münchner Feldherrenhalle marschierte. Der rechte Stein erinnert an dessen zweite Ehefrau Mathilde Ludendorff, „Schöpferin und Wegbereiterin der Gotterkenntnis“.

Historische Orte

Die Ahnenstätten wurden an Orten mit Geschichte eingerichtet. In Hude gibt es 2800 Jahre alte Bronzegräber (Hilligenloh = Heiliger Wald). In Conneforde liegt der Friedhof nah am Heinenbarg, wo die auf die Germanen und Kelten zurückgehenden Sonnenwendfeiern stattfinden.

Mathilde Ludendorff (1877 bis 1966) entwickelte in mehreren Schriften die „Gotterkenntnis (L)“; das „L“ steht für Ludendorff. Ihre Anhänger verehren ihr Werk als „Philosophie“, die Bundesregierung sieht darin eine „antipluralistische und rassistische, insbesondere antisemitische Weltanschauung“.

Verbotene Bewegung

Den sich auf Mathilde Ludendorff berufenden „Bund für Gotterkenntnis“ (BfG) stufte der Verfassungsschutz als „rechtsextrem“ ein. 1961 wurde der BfG als verfassungsfeindlich verboten. Das Verbot wurde 1976 aufgehoben – nicht aus Zweifeln an der Verfassungsfeindlichkeit, wie der Bayerische Verwaltungsgerichtshof festhielt, sondern aus Gründen der „Verhältnismäßigkeit“. Zeitweilig verboten war auch der BfG-eigene Verlag „Hohe Warte“ in Pähl, Oberbayern.

Sogenannte Ludendorffer gab es Anfang der 30er-Jahre auch in Hude. Hermann Grüttemeier, der örtliche Führer der Bewegung, trieb die Gründung eines „Deutschvolkfriedhofs“ voran. Eröffnen konnte er ihn 1933 nach Fürsprache von General Ludendorff; im Februar besuchten der General und seine Frau die fertiggestellte „Ahnenstätte Hilligenloh“.

Als sich der Verein „Ahnenstätte Hilligenloh“ nach dem Krieg 1948 neu gründete, um „für seine Mitglieder und alle freigläubigen Deutschen würdige letzte Ruhestätten zu errichten“, blieb der Ludendorff-Bezug erhalten. Mitglied des Vereins konnte laut Satzung nur werden, „wer sich der Gotterkenntnis (L) verbunden fühlt“. 1973, inzwischen hatten zunehmend Mitglieder des verbotenen BfG im Verein Zuflucht gesucht, wurde der Satz konkretisiert: „Mitglied kann werden, wer sich der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs (L) verbunden fühlt“.

Aber erst 1999 stieß sich jemand öffentlich daran: Reiner Backenköhler, evangelischer Pastor in Hude, heute 53 Jahre alt, forderte Aufklärung über die Ziele des Vereins. Er störte sich an Symbolen wie der Swastika, einem Hakenkreuz-ähnlichen alten Symbol (etwa an der Wand der Leichenkammer), und an den Ludendorff-Mahnmalen. Bald erhielt Backenköhler Morddrohungen. Und der BfG erklärte in der 42-seitigen Schrift „Ketzerfeldzug in Deutschland“ unter anderem, dass Erich Ludendorff kein Antisemit, sondern „Antimosaist“ gewesen sei.

Der Verein Ahnenstätte distanzierte sich von der BfG-Schrift. Nach monatelangen Gesprächen in einem eigens eingerichteten Arbeitskreis der Gemeinde verabredete man, die Ludendorff-Gedenksteine zu „begrünen“ und eine Infotafel aufzustellen. Dort steht heute: „Der Verein ,Ahnenstätte‘ war bei aller Zeitgebundenheit unabhängig von dem nationalsozialistischen Ungeist.“ Die Ludendorff-Steine seien „zeitgeschichtliche Zeugnisse“, die „in keiner Weise zu rassistischen oder antisemtischen Gedanken auffordern sollen“.

Diskussion in Hude

15 Jahre später sagt Pfarrer Backenköhler: Ja, er sei immer noch zufrieden mit dem Ergebnis der öffentlichen Aufarbeitung. „Die Debatte hat Hude gut getan.“

Der Bezug zur rassistischen Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs steht allerdings bis heute in der Satzung – und der Verein bekommt ihn da auch nicht raus. Bei der Änderung der Satzung 1973 änderte die Mitgliedsversammlung nämlich gleich den Passus zur Satzungsänderung mit. Seither dürfen Bestimmungen zu Vereinszweck und -mitgliedschaft nur geändert werden, wenn alle Vereinsmitglieder zustimmen – ein Quorum, das der Vorsitzende Dr. Ekkehard Mannigel (71) eine „Ewigkeitsklausel“ nennt.

Er versucht es trotzdem immer wieder. Zuletzt stimmte die Mitgliedersammlung 2012 einem Vorschlag zu, die Formulierung „der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs (L) verbunden“ durch die Worte: „den Idealen der Aufklärung verbunden (Immanuel Kant u.a.)“ zu ersetzen. Das Amtsgericht Oldenburg lehnte die Satzungsänderung mit Verweis auf das Quorum ab, das Oberlandesgericht Oldenburg bestätigte die Ablehnung 2013. Mannigel nennt die Philosophie Ludendorffs „dogmatisch ideologisiert und andere diffamierend“. Die Satzungsänderung hält er „überlebensnotwendig“, „zahlreiche Anstrengungen“ liefen.

(Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile ist es dem Verein gelungen, die Satzungsänderung rechtlich durchzusetzen. Vorsitzender Mannigel teilte der NWZ im Mai 2015 mit: „Es gibt somit keinerlei Verbindungen zum BfG, der Ahnenstättenverein war und ist rechtlich selbständig und unabhängig. Die wenigen Mitglieder, die auch im BfG Mitglied sind, sind bekannt und können keinen Einfluss auf die Geschicke der Ahnenstätte Hilligenloh nehmen, weil sie zu Vereinsämtern keinen Zugang haben.“)

NPD-Mann im Vorstand

In Conneforde macht die Satzung keine Probleme. „Mitglied des Vereins kann jede unbescholtene freigläubige Person werden“, heißt es dort; dann ermöglicht ihr der Verein „die Errichtung würdiger letzter Ruhestätten“. Hinter dem Holzportal, dem Huder Tor nachempfunden, gelten die üblichen Regeln: keine Blumen, keine christlichen Symbole, keine Figuren. Stattdessen Waldpflanzen, Findlinge, Naturstein.

Aber da sind diese Namen auf den Steinen. Und in den Registerakten des Amtsgerichts: Alfred Manke zum Beispiel, 17 Jahre stand der Verleger aus Bassum (Landkreis Diepholz), Jahrgang 1929, dem Verein vor. Manke ist laut Verfassungsschutz in Niedersachsen als Gründungsmitglied der NPD bekannt; 1972 kandidierte er für die Partei für den Bundestag. Den Ahnenstättenvorsitz übergab er 2008 an den Lehrer Wolf-Dieter Schröppe aus Uchte (Kreis Nienburg), geboren 1962.

Schröppe veröffentlichte Texte in der Zeitmonatsschrift „Glauben und Wirken“, herausgegeben vom „Bund Deutscher Unitarier“, wo sich auch Manke engagierte. Laut dem „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus“, herausgegeben von Jens Mecklenburg 1996 in Berlin, war eine gewisse Marie Adelheid Reuß-zur Lippe an der Gründung der Unitarier beteiligt, die „braune Prinzessin“. Im „Handbuch“ steht außerdem: Jugendliche Unitarier wurden in den 50er-Jahren dazu aufgefordert, „nur Ehegatten aus deutschem Blut zu wählen“; Unitarier wie Hermann Thiele referierten vor der verbotenen Wiking-Jugend. (Thieles Findling steht in Conneforde ganz nah beim Stein von Gertrud Herr.) Einen Prozess gegen die Bezeichnung „Nazi-Sekte“ verloren die Unitarier.

Schröppe veröffentlichte auch mindestens einen Text in der Zeitschrift „Mensch und Maß“, dem Organ des Bundes für Gotterkenntnis, herausgegeben im Verlag Hohe Warte.

Fragen der NWZ  wollte der Vorstand des Ahnenstättenvereins kurzfristig nicht beantworten. Ähnlich äußerte sich die Gemeinde Wiefelstede: Die Ahnenstätte sei nie Thema gewesen, sagte Bürgermeister Jörg Pieper (parteilos).

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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