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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Wo Knüppel die Hausordnung ersetzten

06.06.2016

Hannover Nummer 53/1 verteilt Kopien, „Gedrucktes ist gefährlich“, sagt er und lächelt bitter.

Damals, in der DDR, las Gunter Lindner alles, was er kriegen konnte. Aber er kriegte längst nicht alles, was er lesen wollte: „Uns wurde Literatur vorenthalten“, sagt er. Zum Beispiel „Der Archipel Gulag“, Alexander Solschenizyns Buch über die stalinistischen Arbeitslager.

Erst im Februar 1980, Lindner war fast 30, hält er das verbotene Buch endlich in den Händen. Er liest es. Er leiht es einem Freund.

Drei Monate später holt morgens um sieben die Stasi Lindner ab. Der Vorwurf: „staatsfeindliche Hetze“.

16 Stunden lang verhören sie ihn, drei Mann, immer abwechselnd. In der 17. Stunde, um Mitternacht, drohen die Männer, die herzkranke Mutter zum Verhör zu holen. „Kippt die vom Stuhl?“ Lindner knickt ein und gesteht: Ja, ja, das Buch kommt von mir!

In der Untersuchungshaft ist Herr Lindner nicht länger Herr Lindner. Er ist nur noch Nummer 53/1.

Er bekommt Post vom Sägewerk, wo er bislang gearbeitet hat: „Fristlose Entlassung“.

Dann das Urteil: ein Jahr Zuchthaus. Sie bringen ihn nach Cottbus, in das vielleicht gefürchteteste Stasi-Gefängnis der DDR. Er lernt die berüchtigten Schließer kennen: Arafat, den besoffenen Texas, den Würger – und vor allem „RT“, den Roten Terror. Lindner lernt: Hier ist der Knüppel die Hausordnung – wenn du nicht spurst, kriegste was in die Fresse.

Gestank. Dreck. Schweinefraß. Zwangsarbeit in der Stanzerei. Arreststrafen: fünf Tage, 19 Tage, 21 Tage.

Nach seiner Entlassung sucht Lindner einen Job und findet keinen. „Sie stehen auf der schwarzen Liste“, heißt es immer. Er stellt einen Ausreiseantrag. Er bittet die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin um Hilfe.

Er wird erneut festgenommen. Der Vorwurf diesmal: „Fluchtvorbereitung“. Die Stasi bringt ihn wieder nach Cottbus, zurück zum Roten Terror.

Dann, 1983, endlich der Freikauf in den Westen.

Heute lebt Gunter Lindner, 66 Jahre alt, in Hannover. Ein Mann mit akkurat gestutztem Grauhaar, Schnurrbart, Brille, der sich in Ironie und Flapsigkeit flüchtet, sobald es unangenehm wird. So wie jetzt.

Wie es denn mit den Haftfolgen sei bei ihm, möchte ein Mitglied der Enquete-Kommission „Verrat an der Freiheit – Machenschaften der Stasi in Niedersachsen“ im Landtag von Gunter Lindner wissen. Och ja, antwortet Lindner, „das verliert sich“: Albträume, Schlafstörungen, nächtliche Schreie. „Ich habe ja nichts Unehrenhaftes getan“, sagt Lindner.

Er hat: ein Buch verliehen.

„Banalitäten“ wird Hartmut Büttner (64) das später nennen, „nichtigste Anlässe, mit drakonischen Strafen überzogen“. Büttner, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und Beiratsmitglied der Stasi-Unterlagenbehörde, sitzt als Sachverständiger in der Landtagskommission.

Nichtigkeiten? Manchmal genügte es, gar nichts zu tun. Nicht der Freien Deutschen Jugend beizutreten, nicht dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, nicht die Jugendweihe mitzumachen. Statt dessen: Christ zu sein.

So wie Klaus-Dieter Rößler, 1944 in Chemnitz geboren, heute wohnhaft in Steinhude. Er durfte nicht die höhere Schule besuchen, er durfte sich nicht zum Fernsehtechniker ausbilden lassen. 1966 wollte er mit Freunden eine Urlaubsreise in die Tschechoslowakei zur Flucht nutzen, zur Gruppe gehörte ein Stasi-Spitzel. Rößler kam ins „KZ X“, ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Er stellte Ausreiseanträge. 1971 kam er in den Westen.

„Ich lebte in Frieden und Freiheit“, sagt Rößler. „Dann kam der große Tag: Die Mauer fiel.“ Bald zog die Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei (SED) der DDR, die PDS, in den Deutschen Bundestag ein. „Die Zweifel wuchsen“, sagt er, „die Bedrohungsängste.“ Paranoia, Albträume, Platzangst, „das quält mich nach wie vor“. Bei Rößler verliert sich das nicht – wie bei so vielen der 33 755 DDR-Häftlinge, die die Bundesrepublik bis 1990 aus Stasi-Gefängnissen freikaufte. Viele von ihnen leben heute in Niedersachsen: traumatisiert, gedemütigt, unter schwierigen finanziellen Verhältnissen.

Hartmut Büttner sagt: „Ich rate dieser Enquete-Kommission, dass wir uns schwerpunktmäßig vor allem einer Verbesserung der Lage der Stasi- und SED-Opfer zuwenden sollten.“ Es geht vor allem um Rehabilitations- und Entschädigungsfragen. „Enttäuschen wir diese Menschen nicht“, sagt Büttner, „es werden jeden Tag weniger.“

Draußen vor dem Sitzungszimmer steht Gunter Lindner, ehemals Nummer 53/1, und verteilt seine Kopien. Auf den Zetteln stehen Namen: Haftkameraden aus Cottbus, die an den Folgen des Terrors gestorben sind.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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