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NWZonline.de Nachrichten Politik Niedersachsen

Sie musste zwölf Jahre auf Antworten warten

13.03.2015

Oldenburg /Berne /Delmenhorst Alles ist gut jetzt, sagt Kathrin Lohmann. Sie ist in eine neue Wohnung gezogen, beste Innenstadtlage in Oldenburg. Sie arbeitet wieder, wie früher als Altenpflegerin. Sie muss nicht mehr zum Gericht, der Mörder ihrer Mutter sitzt für sehr, sehr lange Zeit im Gefängnis. „Jetzt kann ich mein Leben fortsetzen, wo es vor zwölf Jahren stehen geblieben ist“, sagt sie.

Sie meint den 27. März 2003. Lohmann, 26 Jahre alt, hat ihre Mutter im Klinikum Delmenhorst besucht. Brigitte Arndt, 61 Jahre alt, schwer lungenkrank, geht es endlich wieder besser; sie hat das Koma überstanden, bald will sie wieder nach Hause zu ihrer Tochter, nach Berne. „Zum Abschied winkte sie mir hinterher“, erinnert sich Kathrin Lohmann.

Und dann ist da plötzlich dieses grässliche Gefühl, unten auf dem Parkplatz, „so ein Schaudern: als hätte ich meine Mutter heute zum letzten Mal gesehen“.

Am Abend ruft sie wie immer im Krankenhaus an, „wie geht es meiner Mutter?“ Am anderen Ende antwortet eine Männerstimme: „Im Moment gut.“ Im Moment? Lohmann ist beunruhigt.

Nachts um 1.30 Uhr klingelt ihr Telefon. Wieder die Männerstimme, „der Kreislauf Ihrer Mutter ist instabil, kommen Sie bitte her“.

Als Kathrin Lohmann in Delmenhorst ankommt, ist alles „wie im Film“. Sie steht im Flur, zwei Ärzte reden auf sie ein, „wir konnten nichts mehr tun“. Lohmann bricht zusammen, weint, schreit.

Hätte. Wäre. Könnte. Hätte sie ihre Mutter doch nicht überredet, ins Krankenhaus zu gehen. Wäre sie doch wie zunächst geplant ins Pius-Hospital in Oldenburg gekommen. Dann könnte sie noch leben. Kathrin Lohmann findet keinen Schlaf mehr.

Und da ist dieses Gefühl: „Irgendwas stimmt nicht.“ Haben die Pfleger einen Fehler gemacht? Wurde ein Medikament vergessen?

Kathrin Lohmann kennt nur noch ein Thema. Familie, Freunde, alle wenden sich von ihr ab. „Jetzt find’ Dich endlich damit ab“, sagen sie. Aber das kann sie nicht.

Sie wird depressiv. Kann nicht mehr arbeiten. „Sozialer Abstieg“, sagt sie knapp. Das Geld geht ihr aus, sie muss in eine Einzimmerwohnung ziehen, schwierige Wohngegend.

Und dann, fünf Jahre später, liest sie in der Zeitung von Niels Högel. Verurteilt wegen Mordversuchs an dem Patienten Dieter M., Klinikum Delmenhorst, Intensivstation. Kathrin Lohmann sieht die Antwort auf ihre Fragen schwarz auf weiß vor sich: „Der war es!“

Sie ruft die Kripo in Delmenhorst an. Die Polizisten prüfen, ob Högel am 27. März 2003 Dienst gehabt hatte. Alles passt.

„Fängst Du schon wieder damit an?“, fragen Bekannte. „Das ändert doch nichts!“ Auch bei der Staatsanwaltschaft stößt sie auf taube Ohren. „Der sitzt doch schon im Gefängnis“, sagt jemand. (Was 2008 nicht mal stimmt: Högel ist zwar verurteilt, befindet sich aber bis zum 6. Mai 2009 auf freiem Fuß.)

„Ich war allein“, sagt Lohmann. „Aber ich wollte jetzt wissen, was geschehen war, mit allen Mitteln.“

Sie will, dass ihre Mutter exhumiert wird. Immer wieder ruft sie bei der Staatsanwaltschaft an. Einmal sagt jemand zu ihr: „Exhumierungen sind teuer.“

Frühjahr 2009, der Friedhof von Warfleth, Wesermarsch. Hinter großen Tüchern schaufelt ein Bagger endlich das Grab von Brigitte Arndt frei. Der Friedhof liegt am Deich, Sarg und Leichnam schwimmen im Grundwasser. Kathrin Lohmann steht im Hintergrund. Niemand kümmert sich um sie, „da war kein Seelsorger oder so dabei“. Das Wasser hat der Leiche zugesetzt; Lohmann fragt sich, ob die Gerichtsmediziner überhaupt etwas finden können.

Und wieder muss sie warten, „bestimmt ein, zwei Jahre“, sagt sie. Wieder muss sie nachfragen bei der Staatsanwaltschaft, „ich hab’ da so oft angerufen“. Irgendwann erfährt sie, dass die Gerichtsmediziner tatsächlich etwas gefunden haben: Ajmalin, ein Wirkstoff, der im Medikament Gilurytmal enthalten ist. Gilurytmal ist das Medikament, das Högel dem Patienten Dieter M. gespritzt hatte.

Jahre später, 2014, liest Kathrin Lohmann in der Zeitung, dass es einen neuen Prozess gegen Högel geben wird. Sie fragt bei der Polizei nach, „ja, das stimmt“. „Was soll ich tun?“ „Nehmen Sie sich eine Anwältin.“ Kathrin Lohmann trifft sich mit Gaby Lübben aus Delmenhorst, gemeinsam reichen sie Nebenklage ein. Kathrin Lohmann ist zum ersten Mal nicht mehr allein.

Ab jetzt ist Donnerstag immer Prozesstag. Fassungslos hört Lohmann im Landgericht Oldenburg den Pflegern und Ärzten zu, die von ihren bösen Ahnungen in Bezug auf Niels Högel berichten. Die Zahl der möglichen Opfer, über die spekuliert wird, steigt wöchentlich. Högel selbst schweigt. Bis zu jenem Donnerstag am 12. Februar.

Da ist diese Stimme, Kathrin Lohmann kennt sie vom Telefon, 2003, die Intensivstation, „im Moment gut“. Die Stimme gehört Niels Högel, sie erzählt von der Leere, die er spürte, „als ob man lange nicht gegessen hat“, vom Gilurytmal, das er aufzog und Brigitte Arndt spritzte.

„Das war schon hart“, sagt Kathrin Lohmann. „Aber ich habe mir im Gericht nie etwas anmerken lassen. Ich wollte nicht, dass er die kleinste Regung von mir sieht.“ Er, Niels Högel, der Mörder ihrer Mutter. Jetzt sitzt er im Gefängnis, lebenslange Strafe, besondere Schwere der Schuld. Und Kathrin Lohmann sitzt in ihrer neuen Küche, um ihre Füße streicht ihr Malteserhündchen, sie lächelt. Endlich.

Alles ist gut? Fast alles. „Es fällt mir schwer, an Gerechtigkeit zu glauben“, sagt Lohmann. „Wenn man sich auf die Behörden verlässt, wird man nichts erreichen.“ Die Justiz hat sich bei ihr inzwischen entschuldigt. Das Klinikum Delmenhorst nicht.

An diesem Freitag bekommt Lohmann im Rathaus von Delmenhorst den Preis für Zivilcourage verliehen, das Motto lautet: „Hinschauen und nicht wegsehen“. Es soll in der Stadt Widerstand gegen die Wahl von Lohmann gegeben haben. Zivilcourage? Man muss es wohl immer wieder sagen: Wenn Kathrin Lohmann nicht so hartnäckig gewesen wäre, wäre Högel vermutlich längst wieder auf freiem Fuß. Spätestens im Herbst 2016 wäre seine Strafe wegen Mordversuchs an Dieter M. vollständig verbüßt gewesen.

Niels Högel hat 30 Morde zugegeben, die Soko „Kardio“ ermittelt in bis zu 200 Verdachtsfällen. Am Donnerstag haben die ersten Exhumierungen begonnen.

Kathrin Lohmann steht mit zahlreichen Angehörigen von Opfern in Kontakt. In einigen Monaten wird Högel vermutlich ein neuer Prozess gemacht. Sie wird dabei sein, sie lächelt: „Diesmal aber als Zuschauerin.“ Kathrin Lohmann wird hinschauen und auf keinen Fall wegsehen.

Lesen Sie auch die Chronologie zum Fall Niels Högel.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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