NORDKREIS - Die Frage „Was haben sie am 11. September 2001 gemacht?“ ist noch gar nicht ganz zu Ende formuliert, da sprudelt es aus Otger Eismann, emeritierter Diakon in Friesoythe, schon heraus. „Daran kann ich mich genau erinnern“, erzählt der 78-Jährige. „Ich war damals in der Schweiz, im Urlaub. Ich habe eine Bergwanderung bis auf 2300 Meter gemacht. Erst beim Abendessen im Hotel erfuhr ich dann, was passiert war.“ Er sei dann in das Fernsehzimmer des Hotels gegangen und habe sich die Bilder angeschaut und dann mit seiner Frau Telefoniert. „Und immer wieder habe er gedacht: „Was für ein teuflischer Gedanke, wer kann sich so etwas nur ausdenken?“
Auch Gabi Tepe, Leiterin des Don-Bosco-Kindergartens in Friesoythe, weiß genau wo sie war. „Ich saß vor dem Gymnasium im Auto und habe auf meine Tochter gewartet, die Musikunterricht hatte. Da habe ich es im Radio.“ Zuerst sei sie sehr wütend gewesen – weil sie die Radioreportage für einen Scherz hielt. „Ich dachte, das wäre eine Werbung für einen Beitrag über Terrorismus.“ Als sie dann verstand, dass das, was sie hörte, echt war, habe sie dann ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Die Wut wich der Trauer und dem Entsetzen. Mit ihrer Tochter fuhr sie dann nach Hause und verfolgte das Geschehen im Fernsehen. Sie ist sich sicher: „Das war ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben.“
Michael Sope, Erster Gemeinderat in Barßel, saß im Büro, als das erste Flugzeug in das World Trade Center krachte. „Ich bekam eine E-Mail von einem Studienkollegen: ,Schau mal ins Internet‘.“ Zuerst habe er gedacht, dass es ein Unfall sei. „Dann wurde klar, dass es ein Anschlag war. Ich habe dann früher Feierabend gemacht.“ Er fuhr zu seinen Eltern und schaute sich mit ihnen die Berichterstattung im Fernsehen an. „Mein Gefühl war Fassungslosigkeit. Ich habe mich gefragt, wie ein Mensch zu so etwas fähig sein kann.“ Gleichzeitig habe alles irreal gewirkt. Sope: „Man konnte es nicht begreifen.“
Georg Eilers aus Harkebrügge war gerade im Saterland auf der Beerdigung eines Mitarbeiters, als er auf der anschließenden Kaffeetafel von einem schweren Flugzeugunglück in den USA hörte: „Da hieß es zunächst, es sei ein Sportflugzeug in einen der beiden Türme gestürzt.“ Eilers ist Vorsitzender des Schützenvereins und leitet den Aktiv Kreis Harkebrügge. Erst später, als er wieder zu Hause war und vor dem Fernseher saß, wurde ihm die Dramatik des Anschlags bewusst. Georg Eilers: „Für mich persönlich war es unvorstellbar, dass jemand ein Passagierflugzeug in ein Hochhaus lenkt. Das übertrifft doch wirklich jede Vorstellungskraft, dass ein Flugzeug als Waffe eingesetzt wird“. Eilers hat schon damals vermutet, dass nur unbändiger Hass und eine enorme kriminelle Energie notwendig sind, um eine so grausame Tat zu begehen. Eilers: „Da wurde sehr viel Leid in viele Familien getragen“. Der Schützenverein Harkebrügge hat damals als Konsequenz auf den Anschlag in den Vereinigten Staaten alle Veranstaltungen abgesagt. Eilers: „Damals war niemandem im Verein nach Feiern zumute.“
Horst Kruse, Ortsbrandmeister aus Ramsloh, war an jenem 11. September bei der Arbeit, als das Unglück passierte. „Ich hatte davon im Radio gehört, konnte mir aber noch kein wirkliches Bild vom Ausmaß der Katastrophe machen“, sagt Kruse. Erst als er zu Hause den Fernseher anstellte, sah er die Bilder der bereits kollabierten Türme. „Ich war geschockt. Ich verstehe bis heute nicht, wie Menschen sich für eine solche Tat opfern können“, sagt Kruse. Auch machte er sich damals Gedanken über das Chaos innerhalb der Türme. „Dort muss eine Massenpanik geherrscht haben, unvorstellbar welche Szenen sich dort abgespielt haben müssen.“ Auch der Zusammenbruch der Türme kam für die Hilfskräfte vor Ort sehr überraschend, meint Kruse. Allerdings könne er sich als Außenstehender nicht so gut in die Situation hineinversetzen – schließlich war er nicht anwesend. „Man kann darüber sprechen, verstehen kann man es nicht.“
Manfred Broek, Rektor des Schulzentrums Saterland in Ramsloh, war zum Zeitpunkt der Anschläge nicht zu Hause. „Ich weiß nicht mehr, wo ich war, aber als ich nach Hause kam, habe ich die Bilder im Fernsehen gesehen“, erinnert er sich. Anfangs konnte er den Bildern gar nicht glauben, dann kamen ihm Fragen in den Sinn: „Wie konnten die Sicherheitsmaßnahmen so vernachlässigt werden?“ oder „Wie konnten die Terroristen die Flugzeuge in ihre Gewalt bekommen?“ Längere Zeit habe er fassungslos vor dem Fernseher gesessen und sich Neuigkeiten und Hinterrundberichte angesehen. „Mir war gleich klar, dass es sich um sehr viele Tote aus der ganzen Welt handeln muss“, so Broek.
Annegret Brunemund-Rumker (42), Allgemeine Vertreterin des Böseler Bürgermeisters, hat beim Anblick der brennenden Zwillingstürme gleich an die Menschen gedacht, die sich in dem Moment um einen Angehörigen oder Freund in New York sorgen müssen: „Man wusste ja die ganze Zeit nicht, was noch kommt. Das war ein einschneidendes Erlebnis.“ Von den Anschlägen hatte sie erst nach der Arbeit zu Hause erfahren. „Wenn ich früher über Terror nachdachte, dann immer im Zusammenhang mit der RAF. Jetzt denkt man nur an den 11. September. Seitdem ist der Terror präsent.“
Johannes Millhahn ist Polizist in Bösel. Er war gerade bei der Post, als er von den Anschlägen erfuhr: „Dann bin ich direkt nach Hause gefahren und habe den Fernseher angemacht.“ Vor allem bei Reisen merke man, wie der 11. September 2011 alles verändert habe – beispielsweise an den scharfen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen.
