Sonja Janßen ist Geschäftsführerin der „Die Nordsee GmbH“ in Wilhelmshaven. Gegründet 1998 als touristische Dachmarketingorganisation der niedersächsischen Nordseeregionen, ist die GmbH ein Zusammenschluss aus sieben Küstenorten, zwei maritimen Städten und einem Fährbetrieb.
Frau Janßen, im Süden wird es immer wärmer. Inwiefern kann der regionale Tourismus langfristig davon profitieren?
Sonja JanßenOb nun diejenigen, die normalerweise im Mittelmeerraum Urlaub machen, in den kommenden Jahren verstärkt in unsere Region reisen, dazu kann ich keine belastbare Aussage treffen. Denn wir erkennen an vielen Stellen, dass steigende Kosten, unter anderem durch die Inflation, für Zurückhaltung bei Urlaubern sorgen. Es herrscht ein großer Preiskampf im Inland. Die weltweite Corona-Pandemie hat u.a. auch im Bereich Camping den Wettbewerb zunehmend verschärft. Auch die Infrastruktur – und da haben wir in weiten Teilen einen extrem hohen Nachholbedarf – spielt eine entscheidende Rolle. Und obwohl Klimaschutz ein sehr wichtiges Thema ist, dem wir uns widmen müssen, gibt es zurzeit so viele andere Herausforderungen, die uns so sehr einspannen, dass wir uns in der Tiefe leider gar nicht damit beschäftigen können. Wir müssen in erster Linie schauen, dass wir mit Qualität statt Quantität überzeugen können, um keine Gäste zu verlieren, aber auch neue gewinnen zu können.
Welche Herausforderungen sind das?
JanßenAllen voran der Arbeitskräftemangel. Eigentlich bräuchten wir als Anpassung zum Klimawandel mehr oder zumindest an konzentrierten Orten qualitative Unter-Dach-Freizeitattraktionen. Das Klimahaus Bremerhaven ist ein gutes Beispiel dafür. Der Arbeitskräftemangel zieht sich durch alle Bereiche, ob Strandaufsichten, Schwimmbadpersonal oder Servicepersonal in der Hotellerie und Gastronomie. Wir tragen die Sorge, dass einige Infrastrukturen durch den Personalmangel uns dadurch ganz wegbrechen könnten oder teilweise mit Beschränkungen arbeiten müssten, z. B. mit reduzierten Öffnungszeiten in den Freizeitbädern oder Sperrung von Strandabschnitten. Das wäre an der Nordseeküste fatal, denn der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig und Arbeitgeber in der Region.
Was wäre denn hinsichtlich des Klimawandels zu tun, und was ist bei Ihnen bisher schon geschehen?
JanßenEs gibt bereits einige Projekte, wie etwa den neuen „Nordsee-Reisepass“ der „Tourismus Agentur Nordsee“. Jüngst wurde die „Tourismus Marketing Niedersachsen“ außerdem für ein großes Projekt zum Klimawandel ausgezeichnet. Doch es stellen sich weitere Fragen. Brauchen wir künftig mehr Schattenflächen? Welche Möglichkeiten nutzen wir, um die Gäste und Einheimischen bei drohender Sturmgefahr zu informieren? Da gewinnt die Digitalisierung an großer Bedeutung. Funktionieren wir Desinfektionsspender zu Sonnenmilchspendern um und schaffen wir an hoch frequentierten Orten Wasserspender an, damit Menschen genügend trinken können? Müssen wir mehr Bäume pflanzen? Und wenn ja, wo? Für letzteres bedarf es natürlich der Absprache mit den zuständigen Behörden. Doch ohne genügend Arbeitskräfte wird Klimaschutz leider nicht die Beachtung finden, die er eigentlich haben müsste.
Was zeichnet den typischen Nordsee-Touristen aus?
JanßenWir haben zwischen 60 und 70 Prozent Stammgäste, die schon seit Jahren zu uns kommen. Unsere Hauptquellgebiete sind Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Die Nordsee ist nach wie vor besonders bei Familien beliebt. Aber wir erkennen anhand der Demografie, dass uns vermehrt Ehepaare ohne Kinder und Alleinstehende besuchen. Nordsee-Urlauber wissen, dass das Wetter eher wechselhaft ist. Auch das Thema der Unterkünfte treibt uns natürlich aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen um. Wird zukünftig der Bereich der Selbstversorger, also Ferienwohnungen und Ferienhäuser, noch stärker nachgefragt? In welche Richtung entwickelt sich der Hotelmarkt, wenn in dieser serviceintensiven Branche die Arbeitskräfte fehlen?
