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NWZonline.de Nachrichten Politik

Heroin Fürs Volk?: Norwegen plant radikale Drogenpolitik

04.12.2015

Bergen Die bleichen, zombieartigen Junkies taumeln durch die Unterführungen von Bergen und bilden einen krassen Kontrast zur malerischen an Fjorden gelegenen, zweitgrößten Stadt Norwegens. Das Land hat eines der schlimmsten Drogenprobleme in Europa - und in Bergen ist die Situation besonders ernst. Doch sowohl bei der neuen Stadtregierung wie auch im Gesundheitsministerium wächst die Bereitschaft für radikale Methoden, um die Zahl der Drogentoten einzudämmen: mit der kontrollierten Abgabe von Heroin an Süchtige.

Offiziell lautet das Ziel, die Abhängigen komplett von der Droge wegzubekommen. Doch selbst die entschiedensten Befürworter räumen ein, dass es zunächst vor allem möglich sein wird, die Betroffenen in ein sichereres Umfeld zu bringen und sie aus der Beschaffungskriminalität zu holen, in der sich viele Schwerstabhängige bewegen.

„Wir können unsere Drogenabhängigen nicht weiter kriminalisieren. Wir brauchen Vertrauen zwischen uns und den Menschen im Gesundheitswesen“, sagt Kim Arnetvedt, selbst abhängig und Mitglied in der Vereinigung für humane Drogenpolitik. Mit 70 Toten pro eine Million Einwohner hat Norwegen die höchste Todesrate bei Heroinabhängigen in Westeuropa, wie aus Zahlen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) hervorgeht.

Wie die meisten der schätzungsweise 1100 regelmäßigen Drogenkonsumenten in Bergen verbringt Arnetvedt einen Großteil seiner Zeit in der Nähe des Straxhuset, einer städtischen Fixerstube, wo er saubere Nadeln, medizinische Hilfe und eine warme Mahlzeit bekommt. Widerwillig nimmt er ab und zu an medizinischen Rehabilitationsprogrammen teil, die Zentren wie das Straxhuset anbieten. Sein Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem ist groß. Dieses arbeite zu eng mit der Polizei zusammen und mache jeden Tag der Abhängigkeit erbärmlich. Er bekommt Methadon und Antidepressiva. Dass er jemals vom Heroin loskommt, kann er sich nicht vorstellen.

Ola Joesendal, stellvertretender Direktor des Haukeland Hospitals, sagt, dass mehr als 90 Prozent der Heroinabhängigen in Bergen mit der Ersatzdroge Methadon behandelt werden. „Aber zu einer sehr kleinen Zahl von abhängigen Menschen ist es nicht möglich, Kontakt über ein Methadonprogramm herzustellen“, sagt er. „Wenn wir die Möglichkeit mit Heroin haben, können wir sie erreichen.“ Andernfalls blieben diese Menschen isoliert, bekämen keinen Kontakt mit Ärzten, und die Gefahr sei wesentlich höher, dass sie sterben, sagt er.

Andere sind skeptisch. Mina Gerhardsen, die sich im Kampf gegen Drogen engagiert, verweist darauf, dass eine Therapie mit kostenlosen Heroin für die labilen Abhängigen, die erreicht werden sollen, zu viel Zwang bedeute. „Sie sind nicht in der Lage, davon Gebrauch zu machen, weil du dich mehrmals am Tag am gleichen Ort zeigen musst“, sagt sie. „Viele dieser Menschen sind dazu nicht in der Lage.“ Zudem verweist sie auf die hohen Kosten. Laut EBDD ist ein Programm mit staatlichem Heroin mit gut 20 000 Euro pro Jahr etwa fünfmal so teuer wie ein Methadon-Programm.

Die Norweger wären nicht die ersten, die ein solches Programm ausprobieren. 1991 startete die Schweiz einen eng begrenzten Versuch mit Heroinabhängigen, die auf andere Methoden wie Methadon nicht reagierten. Später folgten Dänemark, die Niederlande und Deutschland. Laut EBDD zeigte sich dabei, dass die kontrollierte Abgabe von Heroin zum Injizieren mit der Spritze effektiv sein kann, um solche Randgruppen zu erreichen.

Eine solche Therapie führe zu einer deutlichen Reduzierung des Konsums von illegal auf der Straße gekauftem Heroin, einem Nachlassen der kriminellen Aktivitäten und merklichen Verbesserungen beim Sozialverhalten. Mediziner Josendal sagt, dass diese Punkte auch für eine neue Drogenpolitik in Norwegen ausschlaggebend seien.

Allerdings wies im Jahr 2013 die konservativ geführte Regierung Norwegens eine Eingabe Joesendals für einen medizinischen Versuch mit Heroin zurück. Cecilie Brein-Karlsen, stellvertretende Gesundheitsministerin, erklärte, der Regierungswechsel in Bergen zur Arbeiterpartei bedeute nicht, dass ihr Ministerium von ihrer bisherigen Linie abweichen werde. „Wir sollten andere Maßnahmen priorisieren“, sagt sie.

Damit die Abhängigen sich nicht mit einer Überdosis töten, will die Regierung sie dazu bewegen, vom Spritzen auf das Rauchen von Heroin umzusteigen. Schließlich könne man sich beim Rauchen nicht überdosieren. Allerdings ist das Rauchen für Heroinabhängige nicht besonders attraktiv - vor allem weil die Wirkung wesentlich stärker ist, wenn die Droge gespritzt wird.

Dafür ist die Regierung auf einem anderen Gebiet radikaler. Das Straxhuset ist Teil eines Versuchs, bei dem Abhängigen das Medikament Naloxon ausgehändigt und der Umgang damit erklärt wird. Mit dem Nasenspray können die Folgen einer Überdosis gestoppt werden. Viele der Süchtigen berichten, dass sie damit bereits Freunde gerettet hätten.

Eine von ihnen ist Birgitte Langoey. Als ihr Mann mit 31 Jahren starb und die Behörden ihr ihren sechs Jahre alten Sohn wegnahmen, geriet sie an Heroin. „Da gab es keine Gedanken, keine Gefühle, keine Sorgen“, sagt sie. Heute ist sie 43 Jahre alt. Vor einigen Wochen fand sie ihren Freund auf dem Boden ihrer Küchen - in Krämpfen und blau angelaufen. Weil sie wusste, wie man Naloxon anwendet, konnte sie ihn retten. „Ich bin überglücklich, dass er lebt“, sagt sie.

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