Berlin - William Binney wohnt nur vier Kilometer entfernt von „Crypto City“, der Zentrale der NSA im US-Bundesstaat Maryland. Zuletzt war er Technikchef des amerikanischen Geheimdienstes. Jetzt ist er einer der schärfsten Kritiker seiner weltweiten Daten-Sammelwut: Binney spricht leise. Der 70-jährige sitzt im Rollstuhl, ist schwer erkrankt – aber in allen fachlichen Fragen des Geheimdienst-Handwerks topfit. Im großen Anhörungssaal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages redet er gestern Tacheles.
Der Mann hat eine Vision: Er wolle, dass die NSA wieder in ihre Schranken gewiesen wird. Derzeit leite sie „ein totalitärer Ansatz, den man sonst nur von Diktatoren kennt“. Spannung im Sitzungssaal: Auf der Tribüne hat eine Delegation des US-Kongresses Platz genommen, verfolgt konzentriert das Frage-und-Antwort-Spiel.
Da Snowden dem Untersuchungsausschuss erst einmal nicht zur Verfügung steht, geraten Männer wie Binney oder sein Ex-Kollege Thomas Drake zu den wichtigsten Zeugen, können sie doch aus erster Hand über Details der Abhörpraktiken berichten. Der Ausschuss soll die massenhafte Ausspähung durch die Amerikaner aufklären, auch den Lauschangriff auf das Kanzlerhandy.
Die Vernehmung gestern wird denn auch zur Lehrstunde in Sachen Datensammelei und Cyber-Spionage. „Wer sind die neuen Bösewichte, die wir beobachten müssen?“, diese Frage zu beantworten, sei seine Aufgabe als Analyst gewesen, berichtet der Zeuge. „Mitte Oktober 2001 begann die große Datensammlung bei der NSA“, erinnert sich Binney an die Zeit direkt nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Von da an sei es nicht mehr um das Zusammentragen von Informationen über bestimmte verdächtige Gruppen gegangen, sondern in großer Zahl über Einzelpersonen. „Das war der entscheidende Schritt zuviel“, so der Zeuge.
Er habe dagegen Beschwerde eingelegt. Wenige Wochen danach verließ Binney die NSA – im Streit. Ende einer 37-jährigen Bilderbuch-Karriere in der Geheimdienst-Zentrale von Maryland, vom einfachen Analysten mit 50 000 Dollar Jahresgehalt zum hoch dotierten Technikdirektor mit 6000 Mitarbeitern.
Geduldig gibt er den Abgeordneten des Untersuchungsausschusses Auskunft. „Ich habe schmutziges Wissen“, hatte Binneys Ex-Kollege Thomas Drake vor dem Kreuzverhör durch die Bundestagsabgeordneten angekündigt. Schmutziges Wissen über die Zusammenarbeit zwischen der NSA und dem Bundesnachrichtendienst? „Die Beziehungen zum BND waren sehr gut“, blickt Binney zurück. 1985 sei er erstmals beim Bundesnachrichtendienst gewesen. Kurz nach 9/11 dann das Aus für Binney in der US-Geheimdienstzentrale. Danach dürfte die Zusammenarbeit mit dem BND noch intensiver geworden sein. Ob er glaube, dass die Amerikaner in Sachen Spionage immer alles machten, was auch technisch möglich ist? William Binney zögert nicht lange mit der Antwort. Er nickt: „Das ist genau die Philosophie, die sie verfolgen: ohne Einschränkung und ohne Einhaltung der Gesetze.“
