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NWZonline.de Nachrichten Politik

Nwz-Interview Mit Dr. Sören Kliem: „Mobbing unter Jugendlichen nimmt zu“

15.06.2019
Frage: Herr Kliem, wie lautet das zentrale Ergebnis Ihrer aktuellen Jugend-Studie?

Kliem: Nachdem wir viele Jahre lang einen Rückgang der Jugendkriminalität verzeichnen konnten, zeigen die Befragungsergebnisse im Vergleich der Jahre 2017 und 2015 wieder einen leichten Anstieg der Straftaten.

Frage: In welchem Bereich ist der Anstieg besonders ausgeprägt?

Kliem: Insbesondere hinsichtlich der Gewaltkriminalität, also Körperverletzungen, Raub und Sexualdelikte, haben wir einen statistisch bedeutsamen Anstieg feststellen können.

Frage: Können Sie das mit Zahlen untermauern?

Kliem: Wir stellen fest, dass im Jahr 2015 6,1 Prozent der Jugendlichen in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Gewalttat ausgeführt haben, während es im Jahr 2017 7,7 Prozent waren. Dies entspricht einem Anstieg von 26,2 Prozent und bedeutet, dass 2017 etwa ein Viertel mehr Jugendliche angaben, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Gewalttat ausgeführt zu haben als 2015. Detaillierte Auswertungen zeigen, dass dies maßgeblich auf die Delikte Körperverletzung und Raub zurückzuführen ist. Erwähnt werden sollte dabei jedoch auch, dass das Niveau an Gewaltkriminalität in den meisten Fällen nicht oberhalb des Niveaus von 2013 liegt.

Frage: Was fällt noch auf?

Kliem: Besonders fällt auf, dass Jugendliche immer häufiger Waffen, insbesondere Messer, mit sich führen – sowohl in der Freizeit als auch in der Schule. Im Freizeitbereich ist es mittlerweile mehr als jeder Dritte, der ein Messer dabei hat, in der Schule ist es fast jeder Zehnte. Statistisch sitzen in jeder Klasse also zwei Jugendliche mit einem Messer in der Schul- oder Hosentasche.

Frage: Insgesamt keine gute Entwicklung. Wo sehen Sie die Ursachen?

Kliem: Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Was wir aber parallel zum Gewaltanstieg unter Jugendlichen festgestellt haben, ist, dass auch das Schulschwänzen zwischen den Jahren 2015 und 2017 zugenommen hat. Und wenn Jugendliche die Schule schwänzen, stehen sie nicht unter der Kontrolle von Lehrkräften oder Eltern. In der Zeit ist das Risiko, Straftaten zu begehen, entsprechend größer. Hinzu kommt, dass Jugendliche wieder mehr Alkohol trinken. Auch hier gibt es einen Zusammenhang mit der Begehung von Straftaten. Wenn man betrunken ist, ist die Impulskontrolle reduziert. Auch der Konsum von harten Drogen nimmt unter Jugendlichen wieder zu. Und Jugendliche sind auch wieder häufiger in Freundesgruppen organisiert, in denen Gewalt und Kriminalität nicht negativ besetzt ist, sondern auch andere straffällig werden. Auffällig ist außerdem, dass die Gewaltakzeptanz unter Jugendlichen wieder ansteigt.

Frage: Das heißt?

Kliem: Das heißt, dass Jugendliche den Einsatz von Gewalt weniger stark ablehnen. 2015 war das Motto „Gewalt ist keine Lösung“ noch deutlich ausgeprägter, das entwickelt sich gerade wieder in eine andere Richtung.

Frage: Stellen Sie einen Unterschied fest zwischen Jugendlichen, die auf dem Land aufwachsen, und Jugendlichen, die in der Stadt groß werden?

Kliem: Die Kriminalitätsbelastung ist in der Stadt immer höher als auf dem Land. In der Stadt gibt es einfach mehr Gelegenheiten, straffällig zu werden. Nehmen wir mal das Beispiel, jemandem das Handy zu klauen: Auf dem Land muss man erstmal jemandem begegnen, der gerade mit einem Handy rumläuft. Und dann sollte es sich auch noch um jemanden handeln, den man nicht kennt. Das ist auf dem Land deutlich schwieriger, weil die soziale Kontrolle hier deutlich ausgeprägter ist. Insgesamt ist es so, dass Jugendliche im urbanen Raum häufiger Straftaten begehen.

Frage: Für diese und auch für die vorangegangenen Studien befragten Sie stets Jugendliche der neunten Jahrgangsstufe. Warum greifen Sie sich ausgerechnet Neuntklässler heraus?

Kliem: Das ist auch historisch gewachsen. Wir machen solche Studien schon seit mehr als 20 Jahren. Wir befragen immer Neuntklässler aus allen Schulformen und ganz Niedersachsen, denn dann ist die Vergleichbarkeit gewährleistet. Hinzu kommt, dass es mit 15, 16 Jahren ein Alter ist, in dem Kriminalität eine besondere Bedeutung zukommt. Kriminalität spielt im Jugendalter eine deutlich entscheidendere Rolle als in anderen Lebensphasen.

Frage: Was bereitet Ihnen mit Blick auf Ihre aktuelle Jugendstudie eigentlich die größten Sorgen?

Kliem: Dass das Mobbing zunimmt. Zum einen das klassische Mobbing in der Schule, zum anderen aber auch neue Formen des Mobbings, die über soziale Medien laufen. Jugendliche werden beleidigt, bedroht und bloßgestellt. Das ist für Jugendliche sehr belastend. Wenn sie Mobbing-Opfer werden, dann neigen sie stärker zu Depressionen oder gar Selbsttötungstendenzen. Bei unserer Befragung hat immerhin fast die Hälfte der Jugendlichen berichtet, schon einmal aggressives Verhalten im Online-Kontext erlebt zu haben. Von Mobbing spricht man dann, wenn solche Verhaltensweisen wiederholt auftreten. Jeder 16. befragte Jugendliche erlebte solche internetbezogenen Mobbing-Attacken mindestens mehrmals im Monat (6,2 Prozent). Das ist ein wesentlicher Anstieg zu 2015 und zu 2013. 2015 lag die Opferquote in diesem Bereich bei etwa 4,6 und 2013 bei 3,7 Prozent.

Lars Laue Korrespondent / Redaktion Hannover
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