Wertvolle Habitate werden zerstört, Ortschaften getrennt, Landwirte enteignet und Deutschlands größtes Obstanbaugebiet zerschnitten. Warum sind Sie als Umweltminister dennoch für die Küstenautobahn A 20?

Lies Wir brauchen Mobilität, die die Aufgabe erfüllt, die Region zu erschließen und Orte miteinander zu verbinden. Der Verkehr ist ja da. Der quält sich derzeit durch die Orte und belastet dort die Menschen. Und er verschwindet doch nicht einfach durch Nichtstun. Außerdem werden bundesweit jährlich hunderte Millionen Liter Sprit in Staus verbrannt. Umweltschädlicher kann man Kraftstoff doch gar nicht einsetzen. Das müssen wir reduzieren auch durch eine gut ausgebaute Infrastruktur. Man darf Klimaschutz und veränderte Mobilität nicht im Widerspruch sehen, sondern muss das Gesamtbild denken und den Ausbau der Infrastruktur mit Zahlen, Daten, Fakten belegen.

Welche wären das denn?

Lies Ein Beispiel: Kalkuliert wird mit 1500Lkw pro Tag, die heute noch andere längere Routen nehmen. Schon in drei Jahren ließe sich die Menge an CO2 einsparen, die mit Blick auf die Bodenbelastung durch den Bau der A 20 anfällt.

Die Orte müssen mit zusätzlichen Straßen angebunden werden. Es heißt, die Trasse helfe vor allem den Brummis aus den Niederlanden auf dem Weg nach Skandinavien.

Lies Das Argument wurde durch die Verkehrsgutachten widerlegt. Der Norden insgesamt wird besser verbunden. Die Hauptverkehrsachsen führen nicht mehr durch die Orte. Zu diesem Gesamtbild gehört: weniger Staus, weniger Belastung in den Orten, bessere wirtschaftliche Entwicklung und neue Jobs durch bessere Anbindung. Und wir brauchen diese robuste Wirtschaft, damit wir uns den Umweltschutz auch weiterhin leisten können. Das geht nur mit einer leistungsfähigen Infrastruktur.

Die Wirtschaft kämpft vehement für die Trasse. Warum dann keine Finanzierung über eine Maut?

LiesDas ist lediglich beim Elbtunnel angedacht worden. Ich halte nichts davon, Infrastruktur in private Hände zu geben. Wo die öffentliche Hand baut können wir auch schonender bauen, etwa über Auflastungen mit Sand anstatt Bodenaushub. Die Zahl von 450.000 Tonnen CO2, die durch den Autobahnausbau freigesetzt werden, könnte so weiter reduziert werden. Man muss dazu auch in Relation sehen, dass wir durch Verkehrsstrecken-Reduzierungen 100.000 Tonnen Co2 pro Jahr einsparen können. Denn wir müssen für dieses Gesamtbild auch die künftige, klimaschonende Antriebstechnologie berücksichtigen: Elektrofahrzeuge für die individuelle Mobilität und Lösungen etwa mit Wasserstoff für den Güterfernverkehr. Es ist immer leicht gegen etwas zu sein. Einen ähnlichen Widerstand gibt es gegen die Windkraft. Aber wir sind auf Energie und auf Mobilität angewiesen.

Als Umweltminister wird einem immer schnell die Rolle zugeschrieben, pauschal gegen Infrastruktur sein zu müssen. Wir müssen als Landesregierung aber alle Aspekte im Blick behalten. Straße ist definitiv nicht die Antwort auf alles. Aber pauschal dagegen? Das funktioniert nicht.

Sie loben die Aktion „Fridays for future“, aber wenn es drauf ankommt, wird eine alte Autobahn-Politik mit massiven Eingriffen in die Natur gemacht. Wie passt das zusammen?

Lies Fridays for future hat eine ganze Menge in Gang gebracht. Die Bewegung hat einen maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema Klimaschutz so weit oben in der kollektiven Wahrnehmung angesiedelt ist. Aber ich muss nicht mit allem übereinstimmen. Beim Slogan „Wir brauchen keine Autobahn“ kann ich nicht mitgehen. Mir geht es um Mobilität und um eine Abwägung der Argumente. Dazu gehört eben auch, den Bedarf an Mobilität sinnvoll, möglichst nachhaltig und vor allem auch realistisch verkehrsträgerübergreifend zu organisieren. Nicht Bahn oder Straße - wir brauchen beides.

Gibt es denn überhaupt eine Stelle im Verfahren, an der Sie Ihren Finger zum Einspruch heben werden?

Lies Ich hätte ihn längst gehoben, wenn die A 20 aus meiner Sicht keinen Sinn macht. Grundsätzlich gibt es beim Bau viele Betroffene. Alle Fälle werden geprüft werden müssen. Sofern Landwirte von ihren Feldern abgeschnitten werden, gehört etwa ein kluges Flächenmanagement dazu. Übrigens: Wer an der einen Stelle der Natur schadet, muss an der anderen einen Ausgleich leisten. Es ist gut, dass dieses Prinzip in Deutschland gilt und es gilt auch beim Bau der A20.

31.05.2021, Niedersachsen, Westerstede: Mischa Lauterbach (l) und Stefan Mester stehen mit einem Plakat mit der Aufschrift

PROTEST GEGEN A20 BEI GARNHOLT Landkreis fordert Camp-Räumung – Autobahn-Gegner wollen bleiben

Jasper Rittner
Ammerland
Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent