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NWZonline.de Nachrichten Politik

„Bei sexueller Belästigung geht es um Macht“

15.12.2017

Oldenburg /Bremen Ursel Gerdes (58) ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit 1993 als Beraterin in der Arbeitsstelle gegen Diskriminierung und Gewalt - Expertise und Konfliktberatung, kurz ADE, an der Uni Bremen. Sie führt auch Fortbildungen zum Thema sexualisierte Diskriminierungen am Arbeitsplatz durch. Da sie bereits mit Anfeindungen und Gegenaggressionen in der Arbeit konfrontiert war, vermeidet sie es aus Selbstschutzgründen, ein Foto von sich an die Öffentlichkeit rauszugeben.

Im Interview mit der NWZ spricht sie über die Kampagne #MeToo, das Antidiskriminierungsgesetz, Gegenreaktionen, welche Betroffene erfahren, die ihre Erlebnisse öffentlich machen, über die Vermischung von sexueller Belästigung mit Rassismus und die Hintergründe von sexueller Diskriminierung.

Das US-Magazin „Time“ hat die Frauen, die mit der #MeToo-Bewegung das Schweigen über sexuelle Übergriffe gebrochen haben, zur Person des Jahres 2017 erklärt. Was haben Sie über die #MeToo-Kampagne gedacht?

Für mich ist es folgerichtig, dass die Frauen in ihrem couragierten Auftreten gewürdigt wurden, denn Betroffene, die von ihren Erfahrungen berichten, müssen mit entsprechenden Abwehrstrategien und Stigmatisierungen rechnen. Dazu gehört die Strategie der Leugnung, indem die Aussagen der Betroffenen als Einbildung oder Übertreibung zurückgewiesen werden. Oder die beschriebenen Vorfälle als missglückte Flirtversuche, Komplimente oder Missverständnisse umgedeutet oder verharmlost werden. Betroffenen wird häufig die Verantwortung für das Geschehene zugesprochen, indem unterstellt wird, dass sie sich aufreizend, provozierend und zu uneindeutig verhalten haben. Der Vorteil dieser Öffentlichkeitswellen ist, dass eine Auseinandersetzung über Respekt im Umgang miteinander losgetreten wird und Betroffene erfahren können, dass ihre Erlebnisse Verurteilung und Solidarität auslösen.

Es gab doch schon die #Aufschrei-Kampagne, die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln, und 2006 ist in Deutschland ein Antidiskriminierungsgesetz in Kraft getreten, das sexuelle Belästigung ausdrücklich verbietet – hat sich denn seitdem gar nichts verändert?

Im Alltagsbewusstsein gehen wir heute davon aus, dass wir bei der Emanzipation schon recht weit sind. Das stimmt ja auch, es hat sich viel verändert und das Thema Geschlechtergerechtigkeit hat in unserer Gesellschaft einen Platz errungen. Gleichzeitig hat sich aber ein Nährboden für eine Gegenbewegung gebildet. Es gibt eine Zunahme an öffentlichen Gegenreaktionen, sich zum Beispiel über Errungenschaften aus der Frauenbewegung lustig zu machen, die Akteurinnen anzugreifen und zu diskreditieren. Auch auf weltpolitischer Ebene zeigt sich, wie Sexismen, Rassismen und Respektlosigkeiten scheinbar wieder gesellschaftsfähig werden. In den Reaktionen auf die Vorfälle in Köln haben wir die Vermischung von sexualisierter Diskriminierung und Rassismus erkennen können. Jetzt haben wir eine Diskussion, wo konservative Politiker zu aktiven Feministen werden. Sie setzen sich für die Rechte der Frauen ein, nutzen dies aber, um rassistische Vorbehalte und Aggressionen zu fördern.

Warum kommt es immer wieder auch zum Victim-Blaming, also der Täter-Opfer-Umkehr?

Das ist eine klassische Abwehr des Themas. Es ist ein Nicht-Ernstnehmen. Wir sprechen ja hier über Respektlosigkeit. Und natürlich kann ich dem ganz schnell ausweichen, indem ich sage: „Die haben sich das alles ausgedacht“. Dann muss ich mich da auch nicht mit auseinandersetzen. Es geht um Machtdiskurse: Wer definiert, was angemessen oder unangemessen ist?

Apropos Macht: Welche Rolle spielt Macht bei sexueller Belästigung?

Es geht bei sexueller Belästigung nicht um einen Flirt oder gar um Sexualität – sondern um Macht. Sowohl Männer als auch Frauen können relativ leicht unterscheiden zwischen einem Flirt und einer Respektlosigkeit, wie Forschungen belegen. Wenn ich jemanden für mich gewinnen will, aber merke, dass mein Gegenüber verstört, zögerlich oder abweisend reagiert, würde ich mich doch zurückziehen oder versuchen, anders Kontakt zu finden oder auf Distanz gehen. Bei sexueller Belästigung interessiert nicht, ob die andere Person mitmachen möchte. Es geht um eine Machtdemonstration bis hin zu Gewalt. Um die Reduzierung von Frauen auf den Objektstatus und andere Weiblichkeitsbilder.

Manche Männer monieren, man wüsste heutzutage ja gar nicht mehr, was man doch darf und was nicht…

Auch das ist eine Ablenkung vom Thema. Menschen haben unterschiedliche Grenzen. Dass die eine etwas als Kompliment empfindet, was die andere als belästigend empfindet – das ist für mich relativ normal. Aber wenn jemand sagt: „Ich möchte das nicht, dass Sie mich so anschauen oder mich so ansprechen“, und der/die andere macht dann trotzdem weiter, ist doch in der Regel für alle klar, dass das jetzt eine andere Qualität angenommen hat. Und gleichzeitig gibt es bestimmte Verhaltensweisen wie zum Beispiel den Griff in den Schritt oder an den Po, bei denen wir uns überhaupt nicht darüber verständigen brauchen, dass das nicht zum „normalen“ Umgang am Arbeitsplatz gehört und eine Grenze überschritten wird.

Im Gespräch mit betroffenen Frauen ist mir aufgefallen, dass sich die Täter im Moment des Fehlverhaltens und unmittelbar danach so tun, als hätten sie nichts Verwerfliches getan – sich dann aber oft im Nachhinein an die Betroffene wenden und ihr drohen, falls diese davon etwas erzählen würde. Als würde den Tätern erst im Nachhinein dämmern, dass sie womöglich DOCH etwas Falsches getan haben – und dann nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ agieren.

Dieser Wahrnehmung stimme ich zu. Ich glaube aber, dass es unterschiedliche Gründe dafür gibt, warum Beschuldigte sich so verhalten. Zum einen können wir beobachten, dass der Vorwurf und die öffentliche Debatte an den Beschuldigten nicht spurlos und ohne Schaden vorbeigeht. Wie zum Beispiel bei Herrn Weinstein. Selbst wenn in einem rechtlichen Prozess festgestellt würde, dass einzelne Vorfälle nicht als sexuelle Belästigung zu bewerten sind, bleibt der Vorwurf der sexuellen Belästigung an der Person häufig kleben. Das wissen „Täter“, deshalb versuchen sie, die Betroffenen über Einschüchterungen und Drohungen zum Schweigen zu bringen.

Aber auch die Betroffenen sind damit konfrontiert, dass sie auf das „Opfer“ von sexueller Belästigung reduziert zu werden. Frauen, die sich an ihrem Arbeitsplatz gegen sexuelle Belästigung gewehrt haben, berichten davon, dass ihnen danach häufig mit entsprechenden entwertenden Reaktionen begegnet wurde. Sie müssen mit Aussagen rechnen wie: „Oh, bei der solltest du vorsichtig sein. Lieber nicht mehr alleine mit ihr in den Fahrstuhl steigen, sonst behauptet sie noch, Du wärst ihr zu nah gekommen.“ Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Öffentlichkeitsmachung häufig schädigende Auswirkungen für beide Seiten hat.

In Fortbildungen wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass die Vorwürfe von Frauen eingesetzt werden, um sich zu rächen oder sich einen Vorteil zu verschaffen. Gleichzeitig ist fast allen bewusst, dass der Vorwurf der sexuellen Belästigung immer auch mit negativen Auswirkungen auf die Betroffene einhergeht und dies häufig von Arbeitgebern kaum zu verhindern ist. Ich behaupte, es gibt wenige Frauen, die so naiv sind, dass sie sich durch Beschuldigung einer Person wegen sexueller Belästigung meinen, einen Vorteil verschaffen zu können.

Mehr zum Thema:

Bonny & Claudia: Blogbeiträge zum Thema „sexuelle Belästigung“

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