OLDENBURG - Charlotte Knobloch ist eine elegante Dame – und auf eine gewisse Weise alterslos. Als sie im Rathaussaal zu sprechen beginnt, wird es still. Das liegt nicht nur daran, dass die Präsidentin des Zentralrats der Juden Deutschlands eher leise redet, sondern auch an eindringlichen Worten, die sie wählt.
Vor dem Rathaus parkt am Donnerstagmittag eine Limousine mit verdunkelten Heckscheiben und Münchner-Kennzeichen. Sicherheitskräfte weisen ebenfalls darauf hin, dass ein Gast empfangen wird, der die höchste Sicherheitsstufe genießt. Beileibe kein Privileg. Selbst während der Feierstunde sitzt ein Leibwächter direkt hinter Charlotte Knobloch. Privatleben kennt die Mutter dreier Kinder nicht mehr, seitdem sie am 7. Juni 2006 dieses Amt übernommen hat.
Im Ratssaal spricht sie von Gegenöffentlichkeit und Widerstand gegen Rechts, aber auch von Versöhnung und gemeinsamer Zukunft, die gestaltet werden muss. Ins Goldene Buch der Stadt wird sie nach der Ansprache in geschwungenen Buchstaben schreiben: „Ich konnte mich davon überzeugen, dass jüdisches Leben in Oldenburg wieder Zukunft hat. Ich danke allen, die das ermöglicht haben.“
Die Nachfolgerin von Ignatz Bubis und Paul Spiegel steht als erste Frau an der Spitze der größten Dachorganisation der deutschen Juden. Unbewachte Momente gibt es kaum noch in dem Leben der Münchnerin, stattdessen ein latentes Gefühl der Bedrohung. Immerhin wurden vor fünf Jahren einmal Anschlagspläne von Rechtsextremisten in der bayrischen Landeshauptstadt aufgedeckt.
In München ist sie aufgewachsen. Mitglieder ihrer Familie kamen im Holocaust um. Sie wurde von einer Hausangestellten ihres Onkels gerettet, die sie als ihre uneheliche Tochter ausgab. In München stehen auch Meilensteine aus Charlotte Knoblochs Lebenswerk: das Gemeindezentrum am Jakobsplatz und die neue Hauptsynagoge. Wer die zierliche Frau im dunkelblauen Ensemble im Rathaussaal sprechen hört, glaubt kaum, dass sie als ausgesprochen durchsetzungsstark gilt und gegen den Widerstand mancher in das Amt gewählt wurde.
Oldenburg besucht sie zum ersten Mal, wie sie Oberbürgermeister Gerd Schwandner und den Gästen verrät. Die Synagoge an der Wilhelmstraße war am Vormittag ihr Ziel. „Die Gespräche dort haben mich sehr glücklich gestimmt“, sagt sie im Rathaus über ihre Begegnung mit den Gemeindemitgliedern aus mehreren Ländern. Und sie dankt ausdrücklich der Vorsitzenden Sara-Ruth Schumann, die das alles bewirkt habe. Die Damen kennen sich aus dem Direktorium des Zentralrats – und schätzen sich.
Wie der Oberbürgermeister ging auch Charlotte Knobloch auf die dunklen Kapitel der jüdischen Geschichte in Oldenburg ein. Sie widmete sich jedoch stärker der positiv eingeschätzten Gegenwart des Zusammenlebens in Oldenburg.
Allerdings gilt die Sorge der vermutlich letzten Zeitzeugin des Holocausts in diesem Amt der nächsten Generation – zumal in Zeiten, in denen sich die Erinnerungskultur wandele. Sie rief zum friedlichen Widerstand gegen die Nazi-Demo am Sonnabend auf und forderte in diesem Kontext, die NPD zu verbieten. Sie ermunterte alle in dieser Stadt, die gemeinsame Zukunft mit den jüdischen Menschen zu gestalten.
