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NWZonline.de Nachrichten Politik

Zustand: kritisch

20.07.2019

Oldenburg Gleich nach seinem Amtsantritt im Frühjahr 2018 verschrieb der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der kränkelnden Pflegebranche ein Mittel zur Linderung: 8000 zusätzliche Stellen. Zufällig kam ich damals mit einem Krankenhauschef ins Gespräch, er lachte herzlich über Spahns Rezept und sagte: „8000 Stellen? Warum nicht 80 000? Es ist egal, was der Minister sagt: Die Leute sind nicht da, es gibt sie einfach nicht!“

Wenige Wochen später erhöhte Spahn die Dosis noch einmal, per Gesetzentwurf verordnete er der Pflege insgesamt 13 000 neue Stellen. „Mein Ziel ist, dass in jeder der 13 000 stationären Altenpflegeeinrichtungen in Deutschland zusätzliches Personal ankommt“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Das ist jetzt ein Jahr her; vor wenigen Tagen berichtete die ARD-Sendung „Fakt“, dass bislang keine einzige dieser Stellen besetzt worden sei.

Der Minister hatte noch mehr Rezepte für eine gesündere Pflege im Block. Er legte zum Beispiel Personaluntergrenzen fest, etwa für die Intensivstation. Vergangene Woche stand die Meldung in den Zeitungen, dass jede dritte Klinik in Niedersachsen Betten auf den Intensivstationen sperren musste. Es waren nicht genügend Pflegekräfte da, um die Personalvorgaben einzuhalten.

Größtes Problem im Land

Der Pflegemangel ist das größte Problem, das wir in Deutschland haben; dringlicher und gefährlicher als beispielsweise die Flüchtlingsfrage. Denn Deutschland altert, und das bedeutet: Die Zahl an potenziellen Pflegefällen steigt, während gleichzeitig die Zahl an potenziellen Pflegekräften sinkt. Verschiedene Studien haben unter Berücksichtigung unterschiedlicher Parameter (Lebenserwartung, Zuwanderung, Pflegebereitschaft von Angehörigen) die zu erwartende Personallücke ausgerechnet. Die pessimistische Prognose, erstellt vom Statistischen Bundesamt, hält bis zu 200 000 fehlende Pflegekräfte im Jahr 2025 für möglich. Aktuell sollen rund 50 000 Kräfte fehlen.

Frage: Warum steht es so schlecht um die Pflege?

Antwort: weil es kaum einen unattraktiveren Beruf gibt.

„Pflege“ steht für harte Arbeit, physisch und psychisch gleichermaßen belastend. Sie steht für Schichtdienste und Nachtarbeit, auch an Wochenenden und Feiertagen. Sie steht für unangemessene Bezahlung, vergleichsweise schlecht in vielen Kliniken, unanständig schlecht in zahlreichen Einrichtungen der Altenpflege. Sie steht für drohende Altersarmut, denn längst nicht alle Pflegekräfte halten die Belastung bis zum Renteneintrittsalter durch. Dazu noch eine Frage am Rande: Wie viele ältere Krankenschwestern kennen Sie?

Es wird schlechter

Es steht nicht nur schlecht um die Pflege, es geht ihr täglich schlechter. Der Personalmangel führt zu zusätzlichen Schichten, nicht selten zu Doppelschichten, zu ungeplanten Wochenenddiensten, zu Überstunden ohne Chance auf Abbau. Mehr Arbeit bedeutet zudem weniger Zeit für den Patienten; bei vielen Pflegern wächst das Gefühl, den kranken Menschen nicht gerecht zu werden. Ich weiß von Pflegern, die nach langen Überstunden von zu Hause aus auf ihrer Station anrufen und fragen: Hab‘ ich dies erledigt? Habe ich jenes vielleicht vergessen? Kurz: Der Personalmangel verstärkt die oben genannten Belastungen, er macht Pflegekräfte krank. Was wiederum zu noch mehr Personalmangel führt.

Dass es dazu kommen konnte, hat zwei Ursachen. Erstens: Die Politik hat das Gesundheitswesen und damit die Pflege dem Markt überlassen. Unternehmen erwirtschaften mit Patienten und Heimbewohnern Gewinne. Vor allem in der Altenpflege gibt es vielerorts Lohndumping. Zugleich haben Manager die Pflege nach betriebswirtschaftlichen Parametern organisiert mit festen Tätigkeits-, Ziel- und Zeitvorgaben, Schreckensbegriffe wie „Minutenpflege“ entstanden. Wenn ich Pflegekräfte fragte, warum sie ihren Beruf ergriffen haben, höre ich fast immer: „weil ich kranken und alten Menschen helfen möchte“. Nie hörte ich: „weil ich Managern helfen möchte, eine hohe Rendite zu erwirtschaften“.

Zweitens: Neben der materiellen Abwertung ihres Berufs erleben Pflegekräfte seit Jahren eine gesellschaftliche Abwertung ihrer Arbeit. Wer mit Pflegekräften über ihren Beruf spricht, hört auch, dass sie stolz sind auf das, was sie tun, was sie können, was sie gelernt haben. Die Politik, namentlich seinerzeit Gesundheitsminister Philipp Rösner (FDP) und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), torpedierte dieses Selbstverständnis, indem sie vorschlug, den Pflegemangel durch den Einsatz von ungeschulten Arbeitslosen zu bekämpfen. Die Botschaft zwischen den Zeilen lautet: Pflege kann jeder. Und was jeder kann, muss nicht teuer bezahlt werden. Kaum feinfühliger klingen die politischen Appelle, ausländische Pflegekräfte anzuwerben und ihre mehr oder minder vorhandenen Qualifikationen schnell und unkompliziert für den deutschen Pflegemarkt anzuerkennen. Gerade erst hat Gesundheitsminister Spahn eine entsprechende Vereinbarung mit dem Kosovo unterzeichnet.

Warum also sollten sich junge Menschen für einen Beruf in der Pflege interessieren? Weshalb sollten sie diesen Beruf erlernen wollen (und für ihre Ausbildung womöglich auch noch Schulgeld bezahlen, wie häufig üblich)?

Neue Wertschätzung

Wenn wir das Pflegeproblem langfristig lösen wollen, brauchen wir einen gesellschaftlichen Wandel. Wir brauchen eine neue Wertschätzung der Pflege. Pflege darf nicht länger etwas sein, was getan werden muss. Etwas, das jeder tun könnte, aber kaum einer tun will.

Pflege muss uns buchstäblich mehr wert sein. Dafür muss Geld fließen. In Deutschland bezahlen wir gern jene Arbeitskräfte gut, die Geld einbringen oder Kosten reduzieren: erfolgreiche Vertriebsmitarbeiter, Investmentbanker, Unternehmensberater. Pflege hingegen kostet vor allem; deshalb haben viele Krankenhäuser zuletzt lieber in Ärzte investiert, die Rechnungen schreiben, als in Pflegekräfte.

Schluss mit der Abwertung

Was können wir tun? Lohnuntergrenzen für Pflegekräfte, wie unlängst von Minister Spahn vorgeschlagen, verhindern allenfalls unwürdige Ausschläge nach unten; die Attraktivität des Berufs erhöhen sie nicht. Pflege braucht keinen Stopp ihrer Abwertung, sie braucht eine Aufwertung. Sie braucht gut bezahlte Stellen. Sie braucht Aufstiegsmöglichkeiten (nicht nur zur Stationsleitung). Sie braucht mehr Verantwortlichkeit (wie in den Niederlanden, wo Pflegekräfte gemeinsam mit Ärzten den „Zorgplan“ für Patienten erstellen, den Pflegeplan, und wo kein Arzt ohne Pfleger an seiner Seite mit Patienten-Angehörigen spricht). Sie braucht Leistungsanerkennung, zum Beispiel über Prämien oder ausgelobte Preise. Und natürlich braucht sie eine familienfreundliche Planbarkeit von Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit sowie angemessene Zulagen dafür (die vielerorts längst gestrichen wurden).

Das kostet natürlich Geld. Wir werden Haushaltsposten umschichten müssen. Wir werden fragen müssen, ob die Versicherungsleistungen der Kassen immer in die richtigen Töpfe fließen. Wir werden möglicherweise auch höhere Pflegebeiträge bezahlen müssen. Wir müssen die Frage beantworten: Was ist uns die Pflege unserer Eltern und Großeltern wert?

Pflege darf nicht länger ein Beruf sein, den junge Menschen erlernen wollen, wenn sie so etwas wie ein Helfersyndrom verspüren. Sie sollen ihn ergreifen wollen, weil er attraktiv ist, weil er sich lohnt, weil er Zukunft hat. Was Pflege braucht, ist buchstäblich eine Professionalisierung.

Niedersachsen hat neuerdings eine Pflegekammer, beliebt ist sie nicht. Hier kann sie zeigen, was sie für die Pflege tun kann.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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