OLDENBURG - Kim Tan Dinh ringt um Fassung. Auch mehr als 32 Jahre nach seiner Flucht sind die schrecklichen Erinnerungen daran sofort präsent. „Es war furchtbar. Für uns ging es um Leben und Tod“, erzählt der 60-Jährige mit schwerer Stimme. Er war einer der sogenannten „Boat People“, die im Frühjahr 1980 in Folge des Krieges aus Vietnam flüchteten. In Deutschland fand Dinh mit seiner Familie eine herzlich Aufnahme. Deshalb fühlt er sich hier auch wohl: „Ich bin den Deutschen dankbar. Oldenburg ist meine neue Heimat geworden.“
Der 1951 in Nordvietnam in der Nähe der Hauptstadt Hanoi geborene Kim Tan Dinh musste schon als Dreijähriger seine Heimat verlassen. Sein Vater, ein Großgrundbesitzer, war 1954 von den Kommunisten gewaltsam enteignet worden. Um sein Leben zu retten, flüchtete er mit seiner Familie in die südvietnamesische Stadt Saigon. Hier wuchs Kim Tan Dinh zusammen mit seinen neun Geschwistern auf.
Vom Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam wurde das Leben stark beeinflusst. Nach dem Abitur an einer Militärschule kam Kim Tan Dinh zu einer Fallschirmspringer-Einheit. „Es war ein grausamer Krieg. Viele meiner Kameraden wurden getötet“, so Dinh, der die schlimmen Bilder bis heute nicht vergessen kann.
Mit der Eroberung Südvietnams durch nordvietnamesische Truppen und der Wiedervereinigung des Landes endete der Krieg 1975. Wie viele andere auch kam Dinh in ein Umerziehungslager, wo die Häftlinge unter harter Arbeit, Hunger und Schikanen litten. Sein Vater, der sich eine Existenz als Geschäftsmann im Groß- und Einzelhandel aufgebaut hatte, wurde zum zweiten Mal enteignet.
Das Leben unter dem kommunistischen Regime kam der Familie wie in einem Gefängnis vor. Den einzigen Ausweg sahen die Dinhs – wie Tausende anderer Vietnamesen – in der Flucht. Freunde und Verwandte legten zusammen und ließen Ende 1979 ein Boot bauen. Im Mai 1980 wagten sie es. Mit etwa 70 Menschen an Bord verließ das 13 Meter lange Boot den Hafen – ohne konkretes Ziel.
„Cap Anamur“ hilft
Mehrere Tage lang trieb das Boot durchs Chinesische Meer. „Die Vorräte gingen bald zur Neige“, erzählt Kim Tan Dinh. Auf Hilferufe hätten die vorbeifahrenden Schiffe nicht reagiert. Hoffnungslosigkeit machte sich bei vielen an Bord breit.
Die Situation änderte sich erst, als über ein Flugzeug der amerikanischen Marine der Hinweis auf die nur wenige Seemeilen entfernte „Cap Anamur“ kam. Das ehemalige Frachtschiff war von Rupert Neudeck umgebaut worden, um vorwiegend vietnamesische Flüchtlinge zu retten und an Bord mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen.
Dank des Hilfsschiffes wurden die Dinhs gerettet und in ein Lager nach Indonesien gebracht. Von dort konnten sie nach Deutschland fliegen. Über das Grenzdurchgangslager Friedland kam die Familie nach Norddeich und später nach Elsfleth.
Nach diversen Sprachkursen und einem Berufsvorbereitungsjahr an einer Berufsschule zog Kim Tan Dinh 1984 nach Oldenburg, wo er sich bei der Telekom zum Fernmeldetechniker ausbilden ließ. „Sprache und Bildung sind das Wichtigste, um sich in einem neuen Land zu integrieren“, weiß der in Ohmstede lebende Vater von vier Kindern.
Kim Tan Dinh blieb der Telekom treu. 23 Jahre lang arbeitete er dort als Betriebstechniker. Inzwischen befindet er sich in der Alterszeit.
Derzeit arbeitet er noch als Hausmeister beim TC Grün-Weiß Oldenburg am Muttenpottsweg in Ofenerdiek. Seine Frau leitet schon seit vielen Jahren ein kleines Speiselokal an der Burgstraße.
Nicht nur wegen der herzlichen Aufnahme hat Dinh Oldenburg als Stadt liebgewonnen. „Es ist eine schöne und auch tolerante Stadt“, sagt er.
Gläubiger Katholik
Wichtig ist dem Familienvater sein Glaube. Der aus einer katholischen Familie stammende 60-Jährige engagiert sich nicht nur in Oldenburg für die Kirche. Zehn Jahre lang agierte er als Vorsitzender der Vereinigung vietnamesischer Katholiken in Deutschland. Heute berät er als Ehrenvorsitzender diese Vereinigung. Rund 20 Prozent der etwa 100 000 Vietnamesen in Deutschland seien katholisch. In Vietnam hätten Christen aber nach wie vor unter Repressalien zu leiden. „Katholiken sind dort Menschen dritter Klasse“, so Dinh. Wegen seines kirchlichen Engagements werde ihm die Einreise verboten. Dabei ist es sein größter Wunsch, seine in Vietnam lebende 97-jährige Mutter zu besuchen.
@ Ein Spezial unter
