OLDENBURG - In Alina Treigers Terminkalender gibt es kaum noch Lücken. Die erste Woche als Rabbinerin in ihrer Gemeinde hat es in sich: Viele wollen die 31-Jährige kennenlernen, sie wird die Gedenkfeiern zur Pogromnacht in Oldenburg mitgestalten und beim Erinnerungsgang an diesem Mittwoch das Kaddisch, ein Gebet zum Totengedenken, sprechen.
Immer viele Kameras
Außerdem richten sich noch immer viele Kameras auf jene Frau, die in Deutschland als erste nach dem Holocaust zur Rabbinerin ausgebildet und in Berlin ordiniert wurde (NWZ
berichtete). Damit hatte ich gar nicht gerechnet, sagt sie bescheiden.Oldenburg als Stadt kennt und mag die verheiratete, junge Frau, schließlich war sie hier in der jüdischen Gemeinde schon Praktikantin, wie auch in Hameln, Bad Segeberg und Göttingen. Auch dort war sie beliebt, hat mit ihrer schönen Stimme begeistert, auch den zugewanderten jüdischen Gläubigen Zuversicht vermittelt und vor allem junge Menschen für sich einnehmen können. Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft, sagt sie und will die Generation zu einem eigenen, kreativen Leben ermuntern.
Alina Treiger ist in der ukrainischen Stadt Poltawa als Einzelkind aufgewachsen. In den Zeiten der Sowjetunion spielte ihr Glaube keine große Rolle. Der Vater durfte nicht studieren, weil er Jude war, die Mutter arbeitete als Lebensmittelchemikerin.
Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR kann sie ihre Religion leben. Eine Israel-Reise während ihres Musikstudiums beeinflusst sie nachhaltig. Sie lässt sich in Moskau zur Gemeindearbeiterin ausbilden und gründet in ihrer Heimatstadt im Alter von 21 Jahren eine neue, liberale jüdische Gemeinde.
Bea Wyler damals die erste
Im orthodoxen Judentum dürfen Frauen kein Rabbinat übernehmen. Eine Diskussion darüber erinnert auch Sara-Ruth Schumann, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Schließlich hatte sie sie 1995 selbst führen müssen, als sie die Schweizerin Bea Wyler als erste Rabbinerin in Deutschland nach der Schoah überhaupt für die damals junge jüdische Gemeinde Oldenburgs verpflichten wollte. Ein bisschen stolz ist Sara-Ruth Schumann schon, dass die erste wieder in Deutschland ordinierte Rabbinerin nun auch in der Synagoge an der Wilhelmstraße ihren Dienst antritt.
Dort traf Alina Treiger am Dienstagabend schon die Aktiven des Erinnerungsgangs, um die Details der Zeremonie für diesen Mittwoch zu besprechen, an dem viele Oldenburger die zierliche Frau mit den rötlichen Haaren zum ersten Mal sehen und hören werden. Jüdisches Gemeindeleben gerade in Deutschland wieder zur weiteren Entfaltung zu führen, ist ihr ein Anliegen. Die etwa 300 Mitglieder ihrer Oldenburger Gemeinde wünschen ihr Masel tov (viel Glück).
Noch pendelt sie zwischen Oldenburg und Berlin, wo sie am Abraham-Geiger-Kolleg studierte. Doch in Kürze zieht sie um. Eine Wohnung habe ich schon gefunden. Für Freitag steht wieder ein wichtiger Termin im Kalender: Antrittsbesuch beim Oberbürgermeister im Rathaus.
