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NWZonline.de Nachrichten Politik

Eine lange Geschichte des Schweigens

24.01.2020

Oldenburg Im Jahr 2020 bieten sich mehrfach Anlässe zum Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus und den Völkermord an den europäischen Juden. Da ist zum Beispiel die 75. Wiederkehr des Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar, da ist das Ende des 2. Weltkriegs in Europa am 8. Mai. Und da ist Hitlers programmatische Rede vor 100 Jahren im Hofbräuhaus in München zu Beginn der Parteiwerdung der NSDAP, in der schon vieles der späteren Katastrophe angedeutet ist.

An die Ereignisse kann man sich auch ohne einen äußeren Anlass oder ein zufälliges Datum erinnern. Die Erfahrung ist freilich, dass es leichter ist, öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen, wenn ein politisches Thema mit einem runden Jahrestag verbunden ist.

Der erste dieser Jahrestage ist die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. Obwohl die abrückenden SS-Leute viel Aufwand getrieben haben, ihr abscheuliches Tun zu vertuschen, kamen die Hintergründe und das ungeheuerliche Ausmaß des Völkermords an den Juden rasch zu Tage. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden Verantwortliche des Völkermords, derer man habhaft werden konnte, in mehreren Prozessen von der alliierten Justiz belangt. Freilich geriet der Völkermord an den Juden sowie Sinti und Roma rasch zwischen die Fronten des neuen politischen Konflikts, des Kalten Kriegs zwischen Ost und West.

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Das erschwerte die Aufarbeitung, weil die Strafverfolgung interessengeleitet war, Akten aus politischer Opportunität zurückgehalten wurde. Hinzu kam, dass Geheimdienste ihre eigenen Interessen verfolgten, Täter wie Adolf Eichmann sich der Strafverfolgung durch Flucht und mit kirchlicher Hilfe (zunächst) entziehen konnten. Und schließlich erlahmte nach Tausenden von Strafprozessen das Interesse der deutschen Öffentlichkeit. Das Interesse der deutschen Justiz and er juristischen Aufarbeitung hielt sich, freundlich formuliert, in Grenzen.

Das änderte sich mit der Studentenbewegung und den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in den 60er Jahren, schließlich auch durch Aktionen der Eheleute Beate und Serge Klarsfeld, die Nazi-Täter, die bislang unbehelligt geblieben waren, aufspürten. Die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ (1978) von Marvin Chomsky wurde in Deutschland ausgestrahlt und erreichte, dass das Thema Völkermord erneut diskutiert wurde.

So entstand mit einigem Abstand zum Geschehen eine Erinnerungskultur, in deren Verlauf auch in kleineren Orten Initiativen entstanden, die sich mit der örtlichen NS-Geschichte und der Vertreibung der Juden – und der ebenfalls entrechteten und ermordeten Sinti und Roma – befassten.

Mittlerweile gibt es fast gar keine Überlebenden des Holocausts mehr. Die Jugendlichen von heute können also nur noch einen durch Nicht-Zeitzeugen vermittelten Blick auf das Geschehene werfen. Das erfordert neue Formen der Vermittlung. Es gibt auch Stimmen von Historikern, wie den Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, die sagen, die Erinnerungskultur sei zu opfer-orientiert. Es gehe darum darzustellen, wie es überhaupt zum deutschen Faschismus kommen konnte.

Lange war aber die historische Forschung auf die Darstellung der Gesamtabläufe abgestellt, das Schicksal der einzelnen Betroffenen ist erst als Reaktion darauf und später erforscht worden. Und erst mit der Fokussierung auf einzelne Opfer ist es möglich gewesen, öffentliche Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für Verantwortung zu erringen.

Einen Makel hat der Holocaust-Gedenktag. Er suggeriert, mit der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz sei der Holocaust beendet gewesen. Das war nicht der Fall. Die Menschenvernichtung aus rassistischen Gründen setzte sich bis in die letzten Kriegstage fort. Häftlinge wurden in Todesmärschen von Auschwitz zu anderen Lagern getrieben, immer weg von der naherückenden Front. Das gerät bei dem Gedenken der Opfer am 27. Januar immer ein wenig in Vergessenheit. Der 27. Januar ist ein symbolisches Datum, der Völkermord endete damals nicht.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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