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NWZonline.de Nachrichten Politik

Debatte über „Lob des Zweifels“

05.07.2019

Oldenburg

Der Offene Brief der Professoren

Das schreiben die Wissenschaftler Prof. Dr. Albrecht Hausmann, Prof. Dr. Helmut Hillebrand, Prof. Dr. Christoph Lienau, Prof. Dr. Gerhard Zotz, Prof. Dr. Esther Ruigendijk, Prof. Dr. Hans Gerd Nothwang, Prof. Dr. Bernd Blasius, Prof. Dr. Dirk Albach, Prof. Dr. Dagmar Freist, Prof. Dr. Mark Siebel, und Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff in ihrem offenen Brief:

Als Wissenschaftler haben wir uns dem Zweifel verschrieben: Der Zweifel am scheinbar Selbstverständlichen steht am Anfang jeder Wissenschaft, und das ständige Hinterfragen auch unserer eigenen Forschungsergebnisse ist wesentlicher Teil unseres Berufs. Gerade weil wir den Zweifel zu unserer Sache gemacht haben, können wir das ‚Lob des Zweifels’, mit dem Dr. Alexander Will in der NWZ vom 29. Juni 2019 (und ausführlicher auf NWZonline.de die Theorie vom CO2-verursachten Klimawandel „in Zweifel ziehen“ möchte, nicht unwidersprochen lassen.

Denn Herr Will zweifelt anders als wir: Sein Ergebnis steht fest und er sucht lediglich Möglichkeiten, Leserinnen und Leser in seinem Sinne zu manipulieren. Um dies zu erreichen, sät er Zweifel, ohne ihm wissenschaftliche Substanz und argumentative Grundlage zu verleihen. Er missbraucht den Zweifel, um Angst zu schüren – Angst vor einem angeblichen „deutschen Sonderweg“, Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen.

Wissenschaftler zweifeln anders. Ihr Zweifel begleitet einen Prozess, der zu Erkenntnissen führen soll. Grundlage dafür sind wissenschaftliche Methoden, die den Zweifel gleichsam kontrollierbar und nachvollziehbar machen. Wenn eine Theorie wie die vom menschenverursachten Klimawandel veröffentlicht wird, hat sie schon sehr viel kritische Überprüfung hinter sich: In unzähligen Verfahren der Qualitätssicherung und durch die ständige Diskussion mit anderen Wissenschaftlern ist der Zweifel, das Gegenargument, bereits bedacht und hat in einem Begutachtungsprozess zur Schärfung der Theorie beigetragen. Trotzdem liefern wir unsere Ergebnisse immer neu dem Zweifel aus, indem wir sie weiterentwickeln, überprüfen und veröffentlichen und somit unsere Verfahren und Methoden dokumentieren. Kein anderes System lebt mehr von der Offenheit als die Wissenschaft, die in gemeinsamen, internationalen Projekten agiert und nicht in Hinterzimmern oder Geheimbünden. Für Verschwörungstheorien ist hier kein Platz.

Die Erkenntnis, dass die eindeutig messbare fortgesetzte Erwärmung der Erdatmosphäre zu einem massiven Klimawandel führt mit katastrophalen, ja existenzbedrohenden Folgen für die gesamte Menschheit, hat den wissenschaftlichen Zweifel längst hinter sich. Es handelt sich nicht um eine „Meinung“ oder eine Doktrin oder einen Glauben – und auch nicht um Panikmache. Es ist Wissen, das in regelmäßigen Abständen von einem Gremium der Vereinten Nationen zusammengefasst wird und in dieser gesellschaftlich wichtigen Frage nicht Einzelmeinungen, sondern den wissenschaftlichen Konsens abbildet. Wer dieses Wissen nicht teilt, muss es nicht nur mit einer anderen „Meinung“ bezweifeln, er muss es widerlegen. Und er muss offenlegen, wie er das tut. All das kann Herr Will nicht im Ansatz liefern.

Die Theorie vom menschenverursachten, CO2-abhängigen Klimawandel ist gegenwärtig die einzige von objektiven Beobachtungen und wissenschaftlichen Auswertungsverfahren abgeleitete Theorie, die die zu beobachtenden Phänomene – die Erwärmung der Erdatmosphäre und des Ozeans, dessen Versauerung sowie das Abschmelzen der Polkappen – erklärt und inzwischen in der Wissenschaft selbst unumstrittene Voraussagen ermöglicht. Weil keine alternative Theorie das auch nur annähernd so gut kann, teilen nahezu alle auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler weltweit diese Theorie (nicht etwa nur in Deutschland, wie Herr Will suggeriert!).

Dass sie in Deutschland in der politischen Meinungsbildung eine besondere Rolle spielt, deutet nicht etwa auf einen „deutschen Sonderweg“ hin, mit dem sich die deutsche Gesellschaft ins Abseits katapultieren würde. Vielmehr ist dies Ausdruck der wissenschaftsbasierten Modernität und des politisch hochgradig partizipativen Charakters unserer Gesellschaft, in der wissenschaftliche Erkenntnisse und ein Bewusstsein für die globalen Folgen des Klimawandels einen festen Platz haben (noch und trotz Stimmen wie der von Herrn Will). Für die Wissenschaftsstadt Oldenburg gilt dies in besonderem Maße. Natürlich darf und muss man jede Theorie immer wieder hinterfragen. Das tut auch die Wissenschaft selbst ständig; dann aber bitte mit Argumenten und Konzepten, die mindestens die gleichen Prozeduren der wissenschaftlichen Qualitätssicherung durchlaufen haben wie die bezweifelte Theorie selbst. Stammtischthesen und nebulöse Scheinargumente („Was ist mit der Sonne?“) reichen jedenfalls nicht aus.

Es gibt noch einen weiteren, sehr wichtigen Grund, weshalb die Theorie vom CO2-verursachten Klimawandel unabdingbar die Grundlage sein muss, auf der Politiker und Gesellschaften Entscheidungen über die Zukunft der Menschheit treffen: Selbst wenn geringe Zweifel an der Gültigkeit dieser Theorie bestünden, müsste doch die Schwere der Folgen ins Kalkül gezogen werden, die ohne Zweifel (!) eintreten werden, wenn die Theorie stimmt. Die Menschheit kann sich nicht leisten, den äußerst wahrscheinlichen Eintritt dieser Folgen in Kauf zu nehmen, um kurzfristig ein paar Vorteile für die Wirtschaft oder für nationale Interessen einzufahren. Niemand würde einer ähnlich riskanten Wette im privaten Leben zustimmen, niemand mit einem so schlechten Blatt einen so hohen Einsatz wagen.

Als Wissenschaftler beschäftigen wir uns mit dem Klimawandel in all seinen Aspekten: Mit seinen Ursachen und den Folgen für Ökosysteme, mit seinen ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen (zu denen auch das Hochkommen von Stimmen wie der von Herrn Dr. Will gehört, die Offensichtliches ausblenden und gleichzeitig Angst schüren).

Wir alle sind betroffen von der Abwertung wissenschaftlicher Erkenntnis, die mit Beiträgen wie dem von Herrn Will verbunden ist. Unsere Universität trägt den Namen eines Mannes, der im Kampf gegen den Nationalsozialismus und die NS-Diktatur Verantwortung übernommen hat. Alexander Will vergleicht das angeblich „apokalyptische“ Denken von Menschen, die heute die Theorie vom menschenverursachten Klimawandel engagiert und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnis vertreten, mit der Ideologie des Nationalsozialismus, die keinen Zweifel an ihrer Weltanschauung erlaubte. Hier überschreitet Herr Will sowohl die Grenzen des wissenschaftlichen als auch des journalistischen Diskurses bei Weitem. Angesichts eines solch schwerwiegenden Vorwurfs übernehmen wir Verantwortung und setzen uns gegen die Verunglimpfung der Wissenschaften zur Wehr.

Die Erwiderung des Autors

Dazu sagt der Autor Dr. Alexander Will:

Diese „Erwiderung“ bedarf eigentlich einer ebenso langen Replik. Doch soll es bei einigen ausgewählten Punkten bleiben. Da heißt es: Der Essay „Lob des Zweifels“ ziehe „die Theorie vom Co2-verursachten Klimawandel in Zweifel“. Damit wird die grundlegende These des Essays verkürzt und letztlich falsch dargestellt. Die neun Autoren möchten ihn gern zu einem Dokument platter „Klimaleugnung“ machen – und liegen damit weit daneben. In Wirklichkeit wird der Klimawandel nicht bestritten, nicht einmal der Anteil des Menschen daran. Darüber hinaus ist der Zweifel politisch: Nämlich ob die aus dieser These gezogenen politischen und ökonomischen Schlussfolgerungen die richtigen sind. Und zu diesem Zweifel gibt es – wie ich dargelegt habe – durchaus Anlass. Studenten können hier lernen, was ein Strohmannargument ist.

Die Autoren reagieren, wie im Essay vorhergesagt: Sie schließen den Zweifel aus ihrer Gemeinschaft aus, weil er ihre Gewissheiten anzweifelt. Sie missverstehen bewusst den fragenden Zweifel, der eben gerade offenlässt, zu welchem Ergebnis er führt. Wenn sie schreiben „Sein Ergebnis steht fest und er sucht lediglich Möglichkeiten, seine Leser in seinem Sinn zu manipulieren.“, so ließe sich dieser Satz leicht auch gegen die Oldenburger Neun wenden. Das „Ergebnis“ steht nirgendwo im Text fest. Vielmehr gibt es jede Menge Fragen. Zweifel bedeutet Zweifel und nicht, wie unterstellt, Negierung einer These und zwangsläufige Unterstützung der Gegenthese. „Zweifel“ ist kein Ergebnis, sondern steht am Anfang eines Prozesses. Zweifel ist auch niemals auf eine elaborierte Gegenthese angewiesen. Er ist sich zunächst selbst genug – und eben keine „Verschwörungstheorie“, wie unterstellt wird.

Die Autoren schreiben, ich „missbrauche den Zweifel, um Angst zu schüren“. Nein – mein Essay weist unter anderem darauf hin, dass der Glaube an die Klugheit der Energiewende durchaus bezweifelt werden darf – insbesondere in einem Land, das weltweit mit die höchsten Strompreise hat und das beim Management von Großprojekten – wie dem Berliner Flughafen – notorisch versagt.

Lesen Sie auch: Lob des Zweifels, Essay von Dr. Alexander Will zur Klimadebatte

Es ehrt die neun Autoren, dass sie sich „als Wissenschaftler dem Zweifel verschrieben haben“. Warum sie ihn ausgerechnet in der Frage des Klimawandels und seiner Folgen bekämpfen, erschließt sich daher nicht. Wenn sich Wissenschaft so positioniert, erinnert das an wissenschaftsgeschichtlich gut erklärbare Unfehlbarkeitsansprüche, wie sie zu allen Zeiten von den Kathedern der Universitäten zu vernehmen waren – und wie sie dann auch immer wieder falsifiziert wurden. Die Autoren haben sich auch entschieden, meinen Hinweis auf den Zweifel am Zweifel zu ignorieren, so weise ich denn noch einmal darauf hin.

Letztlich bleibt der Eindruck: Hier soll der Zweifel als lästiger Gast aus der Klima-Debatte entfernt werden. Ich kann das verstehen. Es wird jedoch, so fürchte ich, nicht gelingen. Denn, wenn etwas evident ist, dann dies: Es gibt keine absolute Wahrheit. Dafür sind bestenfalls Theologen zuständig.

In der Wissenschaft kann es nur die aus der Redlichkeit – und die beinhaltet auch die Einsicht in die methodische Begrenztheit jeder Disziplin – geschöpfte Erkenntnis zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt mit seinen jeweils gegebenen technischen und sozialen Konstellationen geben. Wissenschaftler erliegen zuweilen der Versuchung, sich als Hohepriester der absoluten Wahrheit zu gerieren. Sie sind jedoch bestenfalls die stets und immer und in allem zum Zweifel bereiten und ihre Studenten zum Zweifel anhaltenden abwägenden Deuter einer stets historisch bedingten, relativen Wirklichkeit. Darin sollte ihr Anspruch auf Deutungshoheit liegen.

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