OLDENBURG - Es ist der Albtraum eines jeden Autors: Man recherchiert über Wochen, hat endlich alle Fakten beieinander – und dann passiert etwas, so dass die ganze Geschichte unwiederbringlich überholt ist. So ging es Dr. Andreas Wojak (56), heute Sprecher der Universität Oldenburg, als er im September 1989 für den Westdeutschen Rundfunk einen Beitrag über die DDR machte. Ausgewählt worden war das kleine Städtchen Sternberg nahe Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern.
Dorthin reiste Wojak, natürlich in Begleitung eines sogenannten Pressereferenten aus dem Bezirk Schwerin. Dieser Mann war es wohl, dem Wojak die Existenz einer – wenn auch leeren – Stasi-Akte verdankt, von der er inzwischen eine Kopie mit dem offiziellen Stempel BStU (Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes) besitzt. „Ist das nicht verrückt, dass zu jener Zeit noch Stasi-Akten angelegt wurden?“, meint er. „Da hatte längst die große Ausreise-Welle nach Ungarn begonnen.“
Doch das ist nicht der einzige Grund dafür, dass er diese Recherche in den letzten Wochen der DDR nie vergessen sollte. Bis dahin war ihm das andere Deutschland – wie vielen seiner Generation – politisch vertraut, ansonsten eher fremd, obwohl Wojak in Berlin studiert hatte. Nun waren da plötzlich die Menschen in Sternberg, die ihm mit ihren Geschichten unter die Haut gingen. Sie nahmen zu jener Zeit längst kein Blatt mehr vor den Mund: Familie Pankow oder Pastor Joachim Anders, der in der Kirche schon „Wach auf, Du deutsches Land“ singen ließ. Bürgermeister Hans Schwichtenberg oder auch Karnevalist Uwe Prütz, dessen Frau Uschi die Schwester des späteren Ministerpräsidenten Harald Ringstorff ist.
Sie alle erzählten ihm sehr persönliche Erlebnisse von ihrem Leben in der DDR. „Einmal ruderten wir extra auf den See hinaus, um den Pressereferenten abzuhängen“, berichtet Wojak. Später erfuhr er dann, dass selbst einer der Gesprächspartner im Boot ein so genannter IM, also informeller Mitarbeiter der Stasi, gewesen war.
Nie zuvor war Wojak so nahe am Weltgeschehen mit seiner Arbeit. Schließlich holte es ihn sogar ein. Der Sendetermin des Beitrags wurde vom WDR geschoben und geschoben – am 9. November war er dann überholt, als die ersten DDR-Bürger in den Westen strömten.
Ganz Deutschland jubelte, und Andreas Wojak blickte mindestens mit einem weinenden Auge auf seinen Radio-Beitrag. Doch schließlich wurde die Lösung gefunden: vorher – nachher. So fuhr Wojak wieder mal Richtung Osten nach Sternberg, traf alle wieder und unter dem Titel „Heimat ist, wenn man alle kennt“ wurde der Beitrag im Februar 1990 gesendet.
„Noch heute habe ich zu vielen von damals Kontakt“, erzählt er. Mit einigen ist er befreundet, und sie haben ihn in Oldenburg besucht.
