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NWZonline.de Nachrichten Politik

Russland: Nervenkrieg um Nawalnys Erkrankung

24.08.2020

Omsk /Berlin Der Nervenkrieg um Russlands prominenten, aber schwerkranken Regierungskritiker Alexej Nawalny hat sich vorerst etwas beruhigt. Als am Samstagmorgen kurz vor neun Uhr der Rettungsflug mit Alexej Nawalny in Berlin-Tegel landete, waren seine Mitarbeiter erleichtert. Stundenlang hatten Familienangehörige des Kremlkritikers noch im sibirischen Omsk um eine Ausreise des vermutlich vergifteten Politikers gerungen.

Am Freitagabend gaben die russischen Mediziner schließlich ihre Bedenken gegen einen Transport nach Deutschland auf. Der Zustand des Kremlkritikers sei „stabil“, hieß es. Mehr war zunächst nicht bekannt. Eigentlich wollte sein Team am Sonntag Klartext reden und ihre Version über eine mögliche Vergiftung darlegen. Das sagten sie jedoch wieder ab.

Seit Donnerstag im Koma

Nawalny liegt seit Donnerstag im Koma. Sein Team geht davon aus, dass er vergiftet wurde. Auf der Wahlkampfreise in Sibirien soll er von den Behörden beschattet worden sein. Behandelt wird er jetzt in der Universitätsklinik Charité in Berlin-Mitte. Zuvor hatte ein Spezialflieger den 44-Jährigen aus Omsk ausgeflogen, ein Intensivtransporter der Bundeswehr hatte ihn unter starkem Polizeischutz in die Klinik gebracht. Erst nach Abschluss der Untersuchungen und nach Rücksprache mit der Familie wollen sich die behandelnden Ärzte äußern. Die Untersuchungen würden einige Zeit in Anspruch nehmen, hieß es. In Berlin ist auch Nawalnys Frau Julia und sein enger Vertrauter Leonid Wolkow. Beide besuchten Nawalny am Sonntag in der Klinik.

Nawalnys engster Kreis hatte den russischen Behörden und Ärzten vorgeworfen, mit einer Verzögerungstaktik einen raschen Transport verhindert und so mögliche Beweise vertuscht zu haben. Dass er schließlich nach Deutschland gebracht werden konnte, haben vor allem seine Frau und sein Team möglich gemacht. Sie hatten sehr hartnäckig den Behörden widersprochen. Die Ehefrau bat schließlich sogar Präsident Wladimir Putin, den Transport zu erlauben.

Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremlchefs. Er ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Nawalny holte die Opposition quasi aus der Schockstarre, nachdem der angesehene Regierungskritiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde. Mit detaillierten Recherchen zu Machtmissbrauch hat Nawalny den Kreml, den Geheimdienst und auch einflussreiche Oligarchen gegen sich aufgebracht.

Unerschrockener Kritiker

2017 schreckte er auch nicht davor zurück, den damaligen Regierungschef Dmitri Medwedew Korruption im großen Umfang vorzuwerfen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erleichtert, dass Nawalny nun „in einem Krankenhaus und von Ärzten behandelt wird, die das Vertrauen der Familie genießen“. Es sei wichtig, „dass die Frage nach der Ursache der dramatischen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes“ beantwortet werde, sagte Steinmeier am Rande seines Besuchs der Salzburger Festspiele.

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