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NWZonline.de Nachrichten Politik

Deutscher Herbst: Passagiere erleben Odyssee der Angst

05.10.2017

Palma /Mogadischu Den Auftakt der Flugzeugentführung, über die noch Jahrzehnte später gesprochen wird, bildet eine Reise von Aden nach Bagdad. Die Terroristin Monika Haas (geb. 1948) reist am 7. Oktober 1977 im Auftrag der PLFP von Bagdad nach Algier und von dort nach Palma de Mallorca. Sie soll Waffen für das Entführungskommando auf die Balearen-Insel schmuggeln. Versteckt unter Säuglingskleidung (Haas hat eine dreimonatige Tochter) und in Bonbondosen gelangen die Waffen – zwei Pistolen, drei gefüllte Magazine, vier Handgranaten und ein Kilo Plastiksprengstoff – nach Palma de Mallorca. Am nächsten Tag reist Haas zurück.

Mittlerweile sind die ersten aus dem Kommando der Flugzeugentführer eingetroffen. Anführer ist Zohair Youssif Akache (23), der in London zum Flugzeugingenieur ausgebildet worden war. Er terrorisierte als „Captain Mahmoud“ Passagiere und Besatzung und tötete später den Flugkapitän Jürgen Schumann. Zu den Entführern gehören ferner Nabil Harb (23), Hind Allameh (22) und Souhaila Andrawes Sayeh (22). Am 13. Oktober 1977 gehen sie in Palma de Mallorca an Bord der Lufthansa „Landshut“. Die Waffen und den Sprengstoff haben sie im doppelten Boden zweier Kosmetikkoffer und in einem Transistorradio versteckt. Nach einer halben Stunde Flugzeit übernehmen die Terroristen das Kommando, allen voran Akache, der als „Captain Mahmoud“ Angst und Schrecken verbreitet. Die entführte Maschine fliegt zunächst nach Rom-Fiumicino, am Abend nach Larnaca auf Zypern weiter. Dann geht die Odysse der „Landshut“ über Bahrain nach Dubai, wo die Maschine zwei Tage lang steht. Für die 82 Passagiere und die fünfköpfige Besatzung ein Martyrium. „Man kann da nichts tun.. Ich wusste, andere bestimmen jetzt, ob ich weiterleben darf“, sagte Hannelore Piegler, Chefstewardess der Lufthansa-Maschine. Ähnlich empfand es der Passagier Karl Hanke: „Mich jedenfalls hat dieses Akzeptieren meines möglichen Todes in den Stand gesetzt, diese fünf Tage und Nächte durchzustehen“, schrieb er 1978 in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nicht nur die Entführten sind paralysiert: „Meine Mutter hat während der fünf Tage, als ich in der Maschine saß. Essen und Trinken verweigert“, sagte Diana Müll, die ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitete.

An Bord kommt es zu schrecklichen Szenen. In Dubai steigt die Temperatur im Flugzeug auf 50 Grad. Stewardess Gabriele Dillmann muss vor Mahmoud niederknien. Er fragt sie, ob sie Jüdin sei. Als sie verneint, schlägt er ihr ins Gesicht. Er schlägt andere Passagiere grundlos, lässt sie nicht zur Toilette gehen. Zwingt sie, in eingenässter Kleidung zu sitzen.

Am Sonntag landet Flugkapitän Jürgen Schumann die Maschine in Aden – trotz des ausdrücklichen Verbots und gesperrter Landebahn. Der Spritmangel zwingt ihn zu einer fliegerischen Meisterleistung. Nachdem Schumann die Maschine verlassen hat, um sie auf technische Mängel zu untersuchen, erschießt Mahmoud den Piloten vor den Augen der Passagiere. Schließlich gelingt es Co-Pilot Jürgen Vietor, die Maschine zu starten. Sie landet Stunden später in Afrika – im somalischen Mogadischu. Mahmoud stellt ein Ultimatum, die Zeit verrinnt. Mittlerweile ist die Leiche des Piloten über eine Notrutsche von Bord gebracht worden. Mahmoud lässt Alkohol und Parfüm über die Passagiere ausschütten und die Sprengung der Maschine vorbereiten.

Unterdessen muss die Bundesregierung nicht nur mit den Entführern verhandeln, Angehörige der Geiseln fordern eine Freilassung der Gefangenen: Sie sprechen am 16: Oktober mit einem Vertreter der Bundesregierung im Bundeskanzleramt. Ein Bild geht um die Welt, es zeigt einen Jungen mit einem Schild um den Hals: „Herr Bundeskanzler! Ich will meine Mutti wieder haben. Mike“. Die Mutter Mike Brods sitzt in der entführten Landshut.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sein Entlassungsgesuch vorbereitet. Er setzt auf die Befreiung der Geiseln, die heimlich vorbereitet wird. Für den Fall, dass viele Geiseln und Befreier getötet werden, will er zurücktreten. Dazu kommt es nicht. Am 17. Oktober landet bei Dunkelheit eine Boeing 707 mit dem GSG-9-Kommando in Mogadischu. Zwei Stunden entladen die Terroristenjäger ihr Material. Kurz nach Mitternacht in Deutschland, in Mogadischu 2 Uhr früh, stürmt die GSG 9 das Flugzeug. Die Entführer sind überrumpelt. Drei von ihnen werden erschossen, schwer verletzt wird die „Dicke“ Souhaila Andrawes. Nach 106 Stunden ist die Geiselnahme beendet.

Nachtrag: Souhaila Andrawes wurde 1978 in Somalia zu 20 Jahren Haft verurteilt, im selben Jahr in den Irak abgeschoben. Sie heiratete später in Syrien. Sie und ihr Mann wurden später ausgewiesen. In Norwegen erhielten sie 1991 Asyl. Dort wurde sie aufgrund von Hinweisen des BKA 1994 festgenommen und 1995 an die Bundesrepublik ausgeliefert. 1996 wurde Andrawes in Hamburg zu zwölf Jahren Haft verurteilt. 1997 erhielt sie die Erlaubnis, ihre Haftstrafe in Norwegen abzusitzen. Wegen ihres Gesundheitszustands wurde sie 1999 aus der Haft entlassen. Andrawes wird von Geiseln der Landshut als besonders grausam geschildert. Co-Pilot Jürgen Vietor verglich sie mit einer KZ-Aufseherin. Als der Terrorist Christian Klar, neben Brigitte Mohnhaupt einer der Top-Terroristen der RAF, nach langer Haft begnadigt wurde, gab Jürgen Vietor sein Bundesverdienstkreuz zurück, das ihm für seinen Einsatz in der Landshut verliehen worden war. Nächste Foige: Tod in Stammheim

Grafik zum Geiseldrama als PDF.

Deutscher Herbst 1977 - Alle Artikel der NWZ-Serie im Überblick

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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