PAPENBURG - PAPENBURG - Keine Verbitterung, kein Blick zurück im Zorn, sondern kühle Analyse – lange hat sich Rudolf Seiters mit dem Journalisten Michael Jürgs über Gründe und Gefühle seines Rücktritts als Bundesinnenminister am 4. Juli 1993 unterhalten. „Der Tag danach. Deutsche Biographien“, heißt das Buch, in dem Jürgs solche Momente vom Verlust der Macht gesammelt hat. Seiters ist nicht an diesem Tag zerbrochen. Im Gegenteil. „Ausgeruht“, so erinnert sich der CDU-Politiker, und mit sich im Reinen habe er sein Amt morgens in die Hände seines Nachfolgers Manfred Kanther gelegt. Dass der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) ihn dreimal versuchte, telefonisch umzustimmen, und sogar Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble persönlich sich bemühte, änderte nichts. „Mein Amt hatte mir Spaß gemacht“, bekennt Seiters heute freimütig. Um jedoch „Schaden von der Regierung fern zu halten“, fiel die Entscheidung im Gespräch mit seiner Frau.
Bad Kleinen – dieser Ort leitete Seiters‘ Rückzug ein. In einer verdeckten Aktion versuchten Bundeskriminalamt und die Spezialeinheit GSG 9 den gesuchten RAF-Terroristen Wolfgang Grams zu verhaften. Mit tödlichem Ausgang. Auf dem Bahnhof kamen sowohl der Gesuchte als auch ein Beamter der GSG 9 ums Leben.
Im „Spiegel“ tauchte am 3. Juli ein ungeheurer Verdacht auf: Indizien sprächen dafür, dass Grams aus Rache für den getöteten Kriminalbeamten gezielt getötet worden sei. Seiters wusste: „Da kommt etwas auf mich zu“.
Zwar gehörte das federführende Bundeskriminalamt in die Zuständigkeit der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Doch ebenso klar war, dass der Innenminister verantwortlich war für die Verfolgung von Terroristen jedweder Couleur. In einer Krisensitzung am 4. Juli lässt sich Seiters alle Details der Verhaftung vortragen. Die schlimme Erkenntnis: Wichtige Spuren wurden verwischt. Nur Spezialisten an zwei Universitäten, Münster und Zürich, wären in der Lage, in einem monatelangem Prozedere Beweise wieder zu sichern.
Ein zu langer Zeitraum, ahnte Seiters, der sich als Minister in der Bad Kleinen Aktion nichts vorzuwerfen hatte: „Es wäre politisch nicht durchzuhalten gewesen, in einer solchen quälenden Ungewissheit, die sich über Monate hinziehen würde, meine politischen Pflichten als Minister zu erfüllen“. Der Rücktritt war konsequent.
