PEKING - Ein leerer Stuhl in Oslo symbolisiert die Unterdrückung in China: Der Friedensnobelpreis kann in diesem Jahr weder an den Preisträger, noch an seine Familie übergeben werden. Während der feierlichen Zeremonie am Freitag im Rathaus der norwegischen Hauptstadt Oslo sitzt der geehrte chinesische Bürgerrechtler Liu Xiaobo (54) viele tausend Kilometer entfernt in einer Zelle im Jinzhou-Gefängnis in Nordostchina. Seine Frau Liu Xia wird in ihrer Wohnung in Peking ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt unter Hausarrest gehalten.
Aber auch das ist der chinesischen Führung als Machtdemonstration noch nicht genug. Nach unverhohlenen Drohungen an andere Länder haben 19 Regierungen weltweit ihre Botschafter in Oslo angewiesen, nicht wie sonst üblich an der Verleihungszeremonie teilzunehmen. „Beispiellos“ nennt das Nobel-Institut diesen Druck.
Dabei wurden Erinnerungen wach an frühere Machthaber, die ihrem Unmut über eine Vergabe des Friedensnobelpreises an unliebsame und auch eingekerkerte Kritiker freien Lauf gelassen haben: Adolf Hitler verbot 1936 erst dem seit Jahren inhaftierten Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938) die Reise nach Oslo und allen Deutschen die Annahme eines Nobelpreises. Ossietzky starb am 4. Mai 1938 an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung.
Liu Xiaobo war vom Nobelkomitee in diesem Jahr für seinen „langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China“ ausgezeichnet worden. Aus China konnte auch kein anderer Bürgerrechtler nach Oslo reisen. Entweder sind sie in Haft, oder sie stehen unter Hausarrest, wurden eingeschüchtert oder einfach an der Ausreise gehindert.
Immerhin kommen aus der exilchinesischen Dissidentengemeinde rund 40 Mitglieder in Oslo zusammen – ehemalige Studentenführer, Aktivisten, Dissidenten oder Opfer der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Vergeblich hatten sich Regierungen, darunter auch die deutsche, sowie Menschenrechtler und frühere Nobelpreisträger für Liu Xiaobos Freilassung eingesetzt. „Auch wenn er nur einer von 1,3 Milliarden ist, steht die Geschichte des diesjährigen Preisträgers Liu Xiaobo traurigerweise sinnbildlich für die Intoleranz der chinesischen Regierung gegen individuelle Meinungsäußerung“, kritisieren Bischof Desmond Tutu und Tschechiens Ex-Präsident Václav Havel.
der Verleihung des Friedensnobelpreises fern: China, Russland, Kasachstan, Kolumbien, Tunesien, Saudi-Arabien, Pakistan, Serbien, Irak, Iran, Vietnam, Afghanistan, Venezuela, Philippinen, Ägypten, Sudan, Ukraine, Kuba und Marokko.
