PEKING - Sie hätten kaum tiefer fallen können: Gu Kailai und ihr Mann, der frühere chinesische Spitzenpolitiker Bo Xilai, galten lange Zeit als perfektes „rotes Paar“ des Landes. Beide sind Kinder von Helden der kommunistischen Revolution. Ihre elitäre Abstammung brachte den Prinzlingen, wie die Kinder von hochrangigen Parteifunktionären genannt werden, enorme Vorteile. Nun könnten Gu ihre Familienverbindungen das Leben retten.

Am Donnerstag musste sie sich in der Stadt Hefei wegen des Mordes an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood vor Gericht verantworten. Der Prozess dauerte nur wenige Stunden. Sollte die 53 Jahre alte Funktionärsgattin schuldig gesprochen werden, droht ihr die Todesstrafe.

Doch ihr Status als jüngste Tochter von Gu Jingsheng, einem berühmten General der Volksbefreiungsarmee, könnte das noch verhindern. Bo Xilai (63) war bis zu seiner Absetzung der starke Mann in der 30-Millionen-Metropole gewesen. Einen Termin für die Urteilsverkündung gibt es noch nicht.

„Ich glaube, ein Todesurteil zu verhängen, wird schwierig“, sagt der Menschenrechtsanwalt Teng Biao. Es sei Tradition in China, Mitglieder hochrangiger Familien nicht hinzurichten, selbst wenn sie wegen schwerer Verbrechen verurteilt werden. „Sie ist zwar eine abscheuliche Person, aber sie wurde in eine einflussreiche Familie hineingeboren“, fügt Teng hinzu.

Seit der Absetzung Bo Xilais als Parteichef der Region Chongqing und dem Verlust seiner Parteiämter versucht die Kommunistische Partei, sowohl seine Unterstützer als auch Dissidenten in den Reihen der 80 Millionen Mitglieder ruhig zu halten. Der Prozess soll dazu beitragen, den für den Herbst geplanten Generationswechsel an der Parteispitze ohne Probleme über die Bühne gehen zu lassen.

Der Fall sei bereits vor Prozessbeginn entschieden gewesen, sagte der Politikwissenschaftler Zhang Ming. „Es ist ein politischer Prozess.“ Wie alle unfairen juristischen Vorgänge werde auch dieser von der Partei kontrolliert. Die Betonung des Rechtsstaats in dem Verfahren solle mögliche parteiinterne Kritiker zum Schweigen bringen. „Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf Beweisen, rechtlichen Abläufen oder einem Kriminalfall“, sagt Teng Biao.

Die Partei habe Schritte unternommen, um ein mildes Urteil für die Angeklagte zu rechtfertigen, sagen Beobachter. In Staatsmedien wird Gu als besorgte Mutter präsentiert. Sie habe den Mord geplant, um ihren Sohn vor angeblichen Bedrohungen durch Heywood zu schützen, heißt es in der Anklageschrift.

Um die schillernde Politikergattin ranken sich wilde Gerüchte. Britische Medien berichteten, Gu habe mit Heywood in der englischen Stadt Bournemouth zusammengelebt, während ihr Sohn Bo Guagua in England zur Schule ging. Heywood soll geholfen haben, Vermögen ins Ausland zu schaffen, spekulieren wiederum Medien in Hongkong. Bo und Gu werden aller möglichen Taten bezichtigt – von Organhandel bis zum Umsturzkomplott in der Partei.