Ganderkesee - Klack, klack, klack – Erich Strodthoff steuert ziehsicher auf die Ampel an der Kreuzung Bergedorfer Straße/Lindenstraße zu und tastet den Ampelmast nach dem gelben Kästchen mit der Aufschrift: „Bitte berühren“ ab. Die kann der 71-Jährige allerdings gar nicht lesen – er ist blind. Durch das Klacken, findet er jedoch Ampel und Kasten. Ein akustisches Signal zeigt dann an, wenn die Ampel grün wird.
Vor 14 Jahren verlor Erich Strodthoff sein Augenlicht. Sein Sehnerv trocknete ein, wie er es selbst beschreibt. „Das war ein Schock“, erinnert sich der ehemalige Maurermeister. Binnen vier Monaten hatte er sein Sehvermögen eingebüßt. Heute erkennt er nur noch Umrisse.
Totalumstellung
„Ich habe als Polier Großbaustellen geleitet, anderen Anweisungen gegeben. Plötzlich war ich auf Hilfe angewiesen.“ Auch für seine Frau Gerlinde und seine drei Kinder sei es schwierig gewesen. Die „Totalumstellung“ betraf die ganze Familie.
Heute bewegt er sich sicher durch den Ort. Um Hindernisse macht er einen Bogen, als ob er sie deutlich erkennen könne. „Ich hatte fast zwei Jahre lang Schwierigkeiten“, berichtet der 71-Jährige. Die Wende kam 2004, als die Landesregierung das Blindengeld streichen wollte. Strodthoff half damals, 32 400 Unterschriften in zwei Monaten zu sammeln, die Regierung lenkte ein, die Kürzungen blieben im erträglichen Rahmen. „Da habe ich gemerkt: ,Du kannst doch noch etwas!‘ Das gab mir neues Selbstvertrauen.“
Auch in der Gemeinde engagiert sich Strodthoff. So ist er für die Verwaltung Ansprechpartner in Blindenfragen und bringt sein Fachwissen ein. In den letzten Jahren wurden an zahlreichen Ampeln Vorrichtungen für Blinde installiert.
Angefangen haben die Maßnahmen an der Kreuzung Ring/Mühlenstraße. Hier kommt der Signalton von selbst, drücken ist nicht nötig. Auch in Bookholzberg wurde nachgerüstet. Die Gemeinde habe immer ein offenes Ohr gehabt, meint Strodthoff. Dennoch gibt es noch zahlreiche Stolperfallen – sei es ein Bordstein oder eine schlecht zu ertastende Treppenstufe.
Alleine durch den Ort
„Ich bin der einzige Blinde, der alleine im Ort unterwegs ist“, sagt Strodthoff. Erblinden Menschen, würden sie oft ihr Selbstvertrauen verlieren. „Ich kenne welche, bei denen geht die Begleitung bis zur Toilettentür. Ich gehe auch in Begleitung in ein Lokal, aber ich bewege mich einmal durch den Raum und finde mich dann zurecht.“
Strodthoff geht zwei- bis dreimal pro Woche in den Ort. Die Wege kennt er zum Teil noch aus der Erinnerung. Dazu kommt sein guter Orientierungssinn. „Ich kann mir vieles vorstellen. Wenn ich mit meiner Frau nach Bremen fahre, sage ich ihr immer wie wir am besten ankommen.“
