Berlin - Wenn Abschied genommen wird von einem Menschen, der mit 97 Jahren gestorben ist, dann ist das wie eine Zeitreise. Beim Staatsakt für Walter Scheel, dem früheren Bundespräsidenten, Außenminister und FDP-Vorsitzenden, werden Erinnerungen wach an die alte Bonner Republik, die ohne Scheel nicht gewesen wäre, was sie war. Und an einen Politiker, der immer noch Vorbild sein kann in diesen Zeiten der Verunsicherung.

1969 hat Scheel mit SPD-Kanzler Willy Brandt die neue Ostpolitik auf den Weg gebracht, von 1974 bis 1979 stand er als Staatsoberhaupt für ein modernes, offenes Land. „Er vertraute darauf, dass die Bürger des demokratischen Deutschlands auch neuartige Herausforderungen meistern werden“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck. „Wie aktuell, meine Damen und Herren“, fügt er hinzu. Es bleibt nicht die einzige Anspielung auf die aktuelle innen- und außenpolitische Krisenlage.

Für den Abschied von Walter Scheel unterbricht das Parlament am Mittwoch seine Haushaltsberatungen. Gauck geleitet die Witwe Barbara Scheel in die Berliner Philharmonie. In der ersten Reihe auch Kanzlerin Angela Merkel, die Ex-Präsidenten Horst Köhler und Christian Wulff, die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat.

Unter den rund 600 Gästen sind auch viele ältere und jüngere FDP-Politiker, Ex-Außenminister Klaus Kinkel etwa und der aktuelle Parteichef Christian Lindner. Alle verneigen sich vor dem Sarg und damit vor einem Mann, der bei vielen und zu Unrecht vor allem wegen seiner Liebe für ein bestimmtes Lied in Erinnerung geblieben ist.

Ganz vorbei an Scheels populärer Darbietung von „Hoch auf dem gelben Wagen“ kommen die Trauerredner dann aber doch nicht. „Einer, der singt, Volkslieder, und das noch öffentlich, der ist doch deshalb kein Leichtgewicht“, sagt Gauck.

Die persönlichsten Worte findet der frühere FDP-Chef Wolfgang Gerhardt, der Scheel seit den 60er Jahren kannte. „Lebhaft, engagiert, neugierig, herzlich“ sei er gewesen, „ein Mann mit Zuversicht und Mut, aber auch Leidenschaft“.

Nach Musik von Mozart, Bach und Händel erklingt die Nationalhymne. Acht Soldaten tragen den Sarg ins Freie. Das Stabsmusikkorps spielt das „Lied vom guten Kameraden“. Dann fährt der Wagen mit dem Sarg Richtung Zehlendorf. Dort, im Waldfriedhof, wo schon Willy Brandt seine letzte Ruhestätte gefunden hat, wird auch Walter Scheel beerdigt.