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NWZonline.de Nachrichten Politik

Porträt: Apo-Opa wird 80 Jahre alt

16.06.2020

Er propagierte die sexuelle Revolution, schockte das Establishment mit freizügigen Posen, war mit dem schönen Fotomodell Uschi Obermaier liiert – und überrascht heute mit Aussagen wie: Über das Internet entstehe mehr Kommunikation und damit mehr Liebe in der Welt denn je, der Zölibat sei als Weg zur Spiritualität grundsätzlich richtig, und: „Ich hatte größte Probleme mit Frauen.“

Rainer Langhans, Ikone der 1968er, von Frauen umschwärmt und heute manchmal „Apo-Opa“ genannt, ist mit fast 80 Jahren weiter auf dem Weg zu sich selbst. Am 19. Juni feiert der Grimme-Preisträger, Autor, Schauspieler und Filmemacher den runden Geburtstag.

Die Corona-Krise sieht Langhans als Chance zur inneren Einkehr und „Meditationseinheit“ für die ganze Gesellschaft. Es sei klar, dass das Leben mit der „Wahnsinnsmobilität“ und dem „Tiere fressen“ nicht weitergehen könne. Für ihn persönlich habe aber die Krise nicht viel geändert – er lebe seit Jahrzehnten in seinem persönlichen Lockdown.

Sparsam ist sein Lebensentwurf: Vegetarische Ernährung. Spaziergänge, ein wenig Tischtennis. Ein paar Liegestütze und Klimmzüge. Meditation. „Artgerechte Haltung“ nennt Langhans das. „Ich bin ganz bewusst sehr arm, um nicht gezwungen zu sein, Geld zu verdienen.“ Langhans lebt mit vier Frauen in einer Gemeinschaft namens „Harem“, jede aber in ihrer Wohnung. „Es ist eine Kommune, aber dadurch, dass die Körper nicht zusammenleben, können wir geistig zusammenkommen.“

Es sei schon in der Kommune 1 um geistige Verbindung gegangen, Langhans spricht von „geistigem Sex“. „Als das wieder wegging, habe ich mit der sexuellen Revolution versucht, mit Uschi Obermaier, wieder dahin zu kommen – aber es ging einfach nicht. Wir kamen nicht wieder dahin. Ich habe das abgebrochen“, sagt Langhans, heute mit Obermaier zerstritten. „Man kann sich noch so viel aneinander reiben und Sex haben. Es bleibt immer ein Geschlechterkampf.“ Wirklich freie Liebe sei von Sex und Körper befreit.

Schon in der K1 galt das Motto: „Das Private ist politisch.“ Anstatt freizügiger Liebe propagiert Langhans nun das freizügige Teilen persönlicher Daten im Netz. „Ich gebe meine Daten freiwillig und bekomme dafür Eure“, laute der Deal. Wer ängstlich über seine Daten wache, sei wie jemand, der auf seinem Geld sitze. „Gebt alle Daten frei.“ Wer Anspruch auf Dateneigentum erhebe, führe das kapitalistische System in das postkapitalistische Internet ein.

Langhans wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. „Ich konnte einfach nichts mit Menschen anfangen, ich wusste nicht, was das soll. Ich war völlig unglücklich“, sagt er über die Kindheit. Die Eltern können damit nicht umgehen, geben ihn in ein strenges religiöses Internat. Danach geht Langhans erst einmal in die entgegengesetzte Richtung: Er wird Zeitsoldat. Heute bekommt er eine kleine Rente daraus. Die Verpflichtung ermöglicht das Studium: in Berlin zuerst Jura und dann Psychologie – ohne Abschluss. Die Revolution sei dazwischengekommen, sagt er.

Im „Argumentclub“ und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) findet er Gleichgesinnte. Er wird Mitbegründer der Kommune 1, entstanden aus der außerparlamentarischen Opposition (Apo). Mit ihrem radikalen Gegenentwurf werden die Mitglieder zum Bürgerschreck. Sie wenden sich gegen die Nazi-Generation, den Schah und den Vietnam-Krieg. Ihre Aktionen vom Kaufhausbrand-Flugblatt bis zum – gescheiterten – Pudding-Attentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey machen Schlagzeilen. In der spirituellen Verbindung der Kommunarden habe er „Großekstase“ erlebt.

Die Seligkeit währt ein Jahr. Niemand habe verstanden, warum das Glück so verschwand wie es auftauchte, sagt er. Es sei das Paradies gewesen – und wer das einmal erfahren habe, suche diese bessere Welt lebenslang.

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