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Porträt: Modernisierer, Liberaler, Europäer

04.12.2020

Vor fast 40 Jahren verließ er die Macht. Seitdem hatten die Franzosen ihren früheren Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing ein wenig vergessen. Der Zentrumspolitiker brachte in den unruhigen 1970er Jahren Reformen wie die Lockerung der Abtreibungsgesetze oder die Senkung des Wahlalters auf 18 Jahre auf den Weg. Am Mittwoch starb der Altpräsident in seinem Haus im zentralfranzösischen Département Loir-et-Cher an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.

Wenn er auf seine Amtszeit von 1974 bis 1981 zurückblickte, sprach „V.G.E“ – wie er in seiner Heimat oft genannt wird – von einem „Goldenen Zeitalter“ zwischen Frankreich und Deutschland. Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt konzipierte er das Europäische Währungssystem, den Rahmen für die währungspolitische Zusammenarbeit der Partnerländer. Daraus entwickelte sich der Euro.

Der hochgewachsene Franzose mit dem aristokratischen Auftreten gehörte zu den Weltpolitikern, die in Schmidts Privathaus am Neubergerweg im Hamburg-Langenhorn eingeladen wurden. Beide zogen auf internationalem Parkett am selben Strang.

Giscard wurde am 2. Februar 1926 in Koblenz im französisch besetzten Rheinland geboren. Er war Wirtschafts- und Finanzminister, bevor er nach dem Tod von Präsident Georges Pompidou im Alter von 48 Jahren ins höchste Staatsamt gewählt wurde. Damals setzte er sich gegen seinen Widersacher François Mitterrand durch. Der Sozialist bezeichnete seinen Rivalen aus großbürgerlichem Haus als „alten jungen Mann“.

Als Präsident setzte Giscard in der unruhigen Zeit nach der Revolte von 1968 weitreichende gesellschaftliche Reformen durch. So brachte er ein Gesetz zur Scheidung „im gegenseitigen Einvernehmen“ auf den Weg. Die Todesstrafe wurde aber immer noch vollstreckt. Er habe Frankreich modernisieren wollen, „ohne mit seiner Vergangenheit zu brechen“, bilanzierte der Liberale.

Mit seinen geschliffenen Manieren und einer Vorliebe für die Jagd wirkte er gelegentlich sehr weit von seinen Mitbürgern entfernt. „Er hat die politische Kommunikation revolutioniert, ist aber paradoxerweise damit gescheitert, von den Franzosen geliebt zu werden“, bilanzierte „Le Parisien“. Sein Name wird auch in der Spitzenküche weiterleben Der 2018 verstorbene Star-Koch Paul Bocuse kreierte eine schwarze Trüffelsuppe mit Blätterteighaube namens „V.G.E“, als ihm Giscard vor 45 Jahren den Orden der Ehrenlegion an die Brust heftete.

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