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NWZonline.de Nachrichten Politik

Weitermachen, solange es geht

02.07.2019

Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Horst Seehofer (CSU) hat tatsächlich immer noch ein Amt. War da mal nicht was mit einem angekündigten Rücktritt? Als Bundesinnenminister versieht der CSU-Mann seine Arbeit seit Monaten ziemlich geräuschlos. Kritik zieht er allenfalls durch Gesetzesentwürfe seines Hauses zur inneren Sicherheit, zur Einwanderung von Fachkräften oder zur Beschleunigung von Abschiebungen auf sich. Doch geht es da nur noch um Sachfragen, nicht um Macht, Parteiengezänk oder Personalien. Am 4. Juli vollendet der Katholik sein 70. Lebensjahr.

Der Vollblutpolitiker hat turbulente Monate hinter sich. Sein alter Rivale Markus Söder beerbte ihn zunächst als bayerischer Ministerpräsident, dann auch als CSU-Chef. Da hatte die Partei gerade ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1950 eingefahren. Seehofer hält sich seither bemerkenswert zurück, auch wenn ihn seine Abschiebung nach Berlin lange schmerzte. Die Ausrichtung der CSU bestimmen inzwischen andere, auch gegenüber der Kanzlerin verkneift sich der Ingolstädter jede Spitze.

Als die Union erbittert um die richtige Linie in der Flüchtlingspolitik stritt, machten viele die unversöhnlich aufeinanderprallenden Alphatiere Seehofer und Merkel für die verfahrene Lage verantwortlich, die 2018 fast zum Bruch zwischen CSU und CDU geführt hätte. Das fand der Oberbayer nicht fair und beklagte dabei auch manches Foul aufseiten seiner eigenen Parteifreunde. Er habe gar nicht so schnell von der Leiter wieder heruntersteigen können, wie sie ihm weggezogen worden sei, sagte er einmal in einer Journalistenrunde. Doch das ist Vergangenheit.

Kein Zweifel – Seehofer hat den Zenit seines Einflusses überschritten und muss manche Dinge so nehmen, wie sie kommen. So hat zum Beispiel weniger er als die waidwunde SPD es in der Hand, ob er Minister bleibt. Kündigt sie die Koalition auf, ist er seinen Job wohl los, zumindest im Fall von Neuwahlen.

Wie sehr der CSU-Mann den Typus eines Politjunkies verkörpert, wurde selten deutlicher als 2002. Da verschleppte er bis zur letzten Minute eine Herzmuskelentzündung. Sein Freund Theo Waigel sah eine „lebendige Leiche“ vor sich und riet ihm eindringlich, sofort ins Krankenhaus zu gehen. Dass er diese Empfehlung beherzigte, rettete ihm das Leben.

Nach über 40 Jahren aktiver Politik denkt aber nun auch ein Seehofer so langsam ans Aufhören. Zu Jahresbeginn sagte er in einem Zeitungsinterview, er sei auf der Suche nach einem „Profi“, der seine Memoiren aufschreiben solle. An Stoff dürfte es nicht mangeln.

Der gelernte Betriebswirt gewann von 1980 bis 2008 stets das Direktmandat seines Heimatwahlkreises für den Bundestag. Nach dem Wahldebakel von Günther Beckstein war er der Hoffnungsträger. Tatsächlich eroberte er 2013 noch einmal die absolute Mehrheit in Bayern zurück. Dann begann der Fall, der so weit ging, dass einige in ihm 2018 den alleinigen Sündenbock für das Desaster bei der Landtagswahl sahen.

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