Prag/Znaim/Wien - Wer wissen will, wer sich in den mitteleuropäischen Ländern politisch und wirtschaftlich breitmachen will, betrachte etwa den Frühstückssaal eines Prager Business-Hotels. Am Morgen wimmelte es dort von chinesischen Geschäftsleuten. Hinzu kamen gleich mehrere umfängliche Reisegruppen, deren Mitglieder jedoch einen eher offiziellen als touristischen Eindruck machten. Die einzige gedruckte Zeitung, die da bereit lag: Die englischsprachige „China Daily“ – ein Machwerk voller chinesischer Propaganda, das direkt auf die europäischen Nationalstaaten zielt, von der Größe Pekings kündet und vor allem goldene Berge im Falle bilateraler Kooperationen verspricht.
Diese Präsenz zeigt durchaus Erfolge. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Tschechien mancher Politiker von den Chancen einer Sonderbeziehung mit China schwärmt – ganz vorn mit dabei der Staatspräsident Milos Zeman. Statt produktive Investitionen zu tätigen, haben Chinesen sich jedoch vielmehr via Staatsfonds in den Besitz lukrativer Immobilen gesetzt, erzählten mir Leute, die es wissen müssen. Das passt perfekt zur chinesischen Vorstellung von „Kooperation“, wie sie anderswo, etwa in Afrika, zu beobachten ist. Im Wesentlichen besteht diese aus dem Raffen von Land und Versuchen, sich die natürlichen Ressourcen eines Landes unter den Nagel zu reißen.
Nun geht auf so einer Reise niemals alles glatt, und so überraschte mich am Morgen ein Gesprächspartner, den ich in Prag noch treffen wollte mit einer Absage krankheitshalber. Das aber gab mir andererseits Gelegenheit, einer Geschichte nachzugehen, die eigentlich längst gestrichen war, einer kleinen Geschichte vom Wegesrand. Wie sich nämlich im tschechisch-österreichischen Grenzgebiet auf mährischer Seite der Weinbau (Sorry, Chef, das musste jetzt einfach sein...) nach vielen Jahren eines Halbschlafes zu einem neu-alten Wirtschaftsfaktor entwickelt. (Achtung, Kollege zu Klampen!)
In Deutschland kennt man diese neuen tschechischen Weine fast gar nicht. Man erinnert sich hier bestenfalls an üble Rachenreißer aus Böhmen. Der Grund erschließt sich fast auf den ersten Moment, wenn man in der Stadt Znaim das Kloster Louka besucht, wo der größte südmährische Winzerbetrieb Znovin Znojmo ein Verkaufs- und Informationszentrum unterhält. Hier ist Verständigung nur auf Tschechisch möglich. Weder Flaschenetiketten noch Beschreibungen sind in irgendeiner Zweitsprache ausgeführt. Die Angestellten zucken bei einem Versuch auf Deutsch, Englisch oder Russisch bedauernd mit den Schultern. Znovin produziert schlicht ausschließlich für den heimischen Markt und dessen Geschmack.
Letzteres bedeutet, es werden vor allem halbtrocken und süß ausgebaute Weine angeboten, obwohl trockene Premiumweine auch hier im Kommen sind. Das erschließt sich im Schloss von Valtice, wo man die 100 besten Weine Tschechiens probieren kann. Mehr dazu bald in der NWZ.
Auf der anderen Seite der Grenze, im österreichischen Weinviertel, hat der Weinbau nie einen solchen Dornröschenschlaf erlebt. In Tschechien kam der Niedergang mit den Kommunisten. Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört, denn im Grunde sind diese beiden Gebiete eins. Benutzt man kleine Pfade, um die Grenze zu überqueren sieht man bereits Weingärten, die sich auf österreichischem und auf tschechischem Gebiet befinden. Das ist dann die erfreuliche Seite europäischer Integration.
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