Paris - Mehr als eine Million Menschen haben am Donnerstag in ganz Frankreich gegen die von Präsident Emmanuel Macron durchgeboxte Rentenreform demonstriert. Das teilte das Innenministerium in Paris mit; allein in der Hauptstadt seien 119 000 Menschen auf den Straßen gewesen, um gegen die Anhebung des Renteneintrittsalters von 62 auf 64 Jahre zu protestieren. Die Gewerkschaften riefen zu weiteren Protesten und Streiks kommende Woche auf, in der der britische König Charles III. in Frankreich erwartet wird.
Demonstranten blockierten am Donnerstag Bahnhöfe, den Flughafen Charles de Gaulle in Paris sowie Ölraffinerien und Häfen. Verbindungen im Fernverkehr und im öffentlichen Nahverkehr in Paris und in anderen Städten fielen aus. Rund 30 Prozent der Flüge vom Flughafen Orly wurden gestrichen.
Die acht großen Gewerkschaften hatten zum bereits neunten landesweiten Protesttag gegen die Rentenreform aufgerufen, die Macron vergangene Woche ohne Abstimmung durch das Parlament geboxt hatte. Erwartet wurden Hunderttausende Teilnehmer. Die Gewerkschaften meldeten im Lauf des Tages eine „signifikante“ Mobilisierung.
In Paris versammelten sich Zehntausende auf der Place de la Bastille. Viele schwenkten Gewerkschaftsflaggen und skandierten Parolen gegen Macron. In Rennes im Westen des Landes kam es zu Handgemengen, als die Polizei versuchte, die Demonstranten mit Wasserwerfern zu vertreiben. Innenminister Gérald Darmanin berichtete von Angriffen auf ein öffentliches Gebäude und ein Polizeirevier in Lorient, ebenfalls im Westen Frankreichs. „Diese Taten dürfen nicht unbestraft bleiben“, schrieb er auf Twitter. In den vergangenen Tagen war es am Rande der Proteste immer wieder zu Gewalt gekommen. Die Sorge ist groß, dass sich die Fronten in dem Konflikt noch weiter verhärten.
Macron verteidigte das Vorhaben in einer Rede am Mittwoch und sagte, es führe kein Weg daran vorbei, das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anzuheben. Die Reform müsse bis Ende des Jahres umgesetzt werden. Kritiker warfen ihm daraufhin vor, selbstgerecht und abgehoben zu agieren.
An mehreren Autobahnen und Anschlussstellen ließen Demonstranten durch Blockaden den Verkehr nur langsam fließen. Unter anderem wurden solche Aktionen auch aus Lille, Toulouse und Lyon gemeldet. In Marseille wurde der Bahnverkehr eingestellt, weil sich Demonstranten nahe der Gleise aufhielten. In Patin im Norden von Paris ließen Protestierende rund 200 Fahrzeuge nicht aus einem Busdepot herausfahren. Nach Angaben des Bildungsministerium kamen am Donnerstag 24 Prozent der Grundschul- und Mittelschullehrer nicht zur Arbeit.
Weil sie die nötigen Stimmen für den Beschluss der Rentenreform in der Nationalversammlung nicht sicher hatte, hatte die Regierung am vergangenen Donnerstag ein Votum umgangen, indem sie einen Sonderartikel der Verfassung nutzte. Die Folge waren nicht nur Proteste der Opposition, sondern auch zwei Misstrauensanträge gegen die Regierung, die allerdings am Montagabend scheiterten. Dadurch gilt die Reform als verabschiedet. Damit sie in Kraft tritt, muss nur noch der Verfassungsrat zustimmen.
