Rodenkirchen - Manche Menschen müssen schon früh Verantwortung übernehmen. Wie zum Beispiel Aleksandar. Anfang August fing der 16-Jährige aus Berne in der achten Berufsstarterklasse der Oberschule Rodenkirchen an. Zwei Wochen später erfuhr der Flüchtling aus Serbien vom Landkreis: Wenn er nicht bis zum 15. September einen Ausbildungsplatz vorweisen könne, werde seine gesamte Familie abgeschoben.
An einer solchen Herausforderung wäre wohl mancher gescheitert, der vom Schicksal stärker begünstigt ist als Aleksandar. Doch glücklicherweise wandte sich Aleksandar an seinen Klassenlehrer Michael Wingenfeld. Und er erfuhr, dass die Willkommenskultur für Flüchtlinge nicht tot ist.
Peter Schultze stellt ein
Jetzt lacht Aleksandar wieder, denn er hat einen Ausbildungsplatz gefunden: Peter Schultze hat ihn für seine Rohrleitungs- und Tiefbaufirma in Blexen eingestellt. Und was noch besser ist: Dies war keineswegs die einzige Chance, die Aleksandar hatte.
Das hätte sich der junge Roma aus Serbien wohl nicht träumen lassen, als er zur Jahreswende 2012/13 mit seiner Familie aus seinem Heimatland auf dem Balkan flüchtete. Roma sind dort – wie in anderen Ländern dieser Region auch – behördlichen Drangsalierungen ausgesetzt. Die Familie bekam eine Duldung, mit Vater, Mutter und der zwölfjährigen Schwester blieb Aleksandar in Berne. „Als ich hier ankam, kannte ich nur einige deutsche Zahlen“, erinnert sich Aleksandar Demirovksi. Inzwischen spricht er perfekt Deutsch und hat Anschluss gefunden.
Das liegt daran, dass er ein guter Fußballer ist; eine Zeit lang kickte er beim FSV Warfleth. Nur mit der Schule lief es nicht so gut, deshalb kam er jetzt in die Berufsstarterklasse an der Oberschule Rodenkirchen zu Michael Wingenfeld und dem Berufsstartbegleiter Jörg Nass.
Diese beiden Klassen 8 V und 9 V besuchen schulmüde Schüler aus der ganzen Wesermarsch. Sie haben drei Tage Unterricht pro Woche und zwei Tage Praktikum. Einen Praktikumsplatz hatte Aleksandar auch schon: bei der Spedition Albers in Brake.
Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Jörg Nass nahm Kontakt zu Maria Schönbaum und Jennifer Poellmann von den Wesermarschmellows auf; diese Organisation kümmert sich bei der Kreisvolkshochschule um schulmüde Jugendliche. Zudem band er die Kreishandwerkerschaft ein, die noch am gleichen Tag einen Rundbrief an ihre Mitgliedsunternehmen schickte. „Es handelt sich um einen Schüler, den wir empfehlen können“, betont Schulleiter Jürgen Janssen im Rückblick.
Zwei Betriebe boten sofort ihre Hilfe an: Metallbau Peters aus Rodenkirchen und Dachdecker Gärtig aus Elsfleth. „Diese große Hilfsbereitschaft hat mir jeden Tag ein bisschen Gänsehaut beschert“, erinnert sich Jörg Nass. Auch die Oldenburger Gaststätte Kleine Burg und Peter Schultze meldeten Interesse an dem Flüchtling an.
Peter Schultze, der noch eine Lehrstelle zu besetzen hatte, war zunächst einfach nur hilfsbereit. Doch als er den Flüchtling im persönlichen Gespräch näher kennenlernte, wusste er: Das ist der Richtige. „Entscheidend ist der Wille, nicht der Bildungsabschluss“, betont Schultze.
Das erste Lehrjahr wird Aleksandar Demirovski ganz überwiegend bei der überbetrieblichen Ausbildung und in der Berufsschule – beides in Rostrup am Zwischenahner Meer – verbringen.
Kein Einzelfall
Thomas Sturm, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, sagt, dies sei nicht der erste Flüchtling, den ein Ausbildungsplatz vor der Abschiebung rettet.
Und er wird wohl nicht der letzte sein, wie eine Mail von Metallbau Peters an Jörg Nass deutlich macht: „Gerne haben wir geholfen, und wir würden es wieder tun.“
