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NWZonline.de Nachrichten Politik

Deutscher Umbruch in Porträts

04.09.2019

Deutschland hat sich verändert. Erst schleichend, dann immer schneller. Bankenkrise, Eurokrise, Asylkrise, Wohnungskrise, Klimakrise, dazwischen der Aufstieg der AfD. All das hat Spuren hinterlassen. Die Stimmung ist aufgewühlt, der Diskurs verroht. Gewissheiten sind ins Wanken geraten, die Zukunft scheint ungewiss. Wie spiegeln sich all diese Erschütterungen in den Biografien einzelner Menschen wider?

Beginnend mit dem Jahr 2013 verfolgt die Journalistin Jana Simon (46) in ihrem Buch „Unter Druck“ den Lebensweg ganz unterschiedlicher Personen. Es sind Entscheider und Politiker darunter wie der Investmentbanker Jörg Asmussen, einst führend bei der EZB und der Troika, oder der AfD-Politiker Alexander Gauland, aber auch ganz normale Bürger wie ein Polizist, eine Krankenschwester, ein Ingenieur und eine Modebloggerin. All diese Personen hat Simon über Jahre hinweg beobachtet und interviewt. Und obwohl die Auswahl subjektiv und begrenzt ist, gelingt ihr in diesen Porträts eine erstaunlich präzise Aufnahme einer gestressten Gesellschaft.

Alexander Gauland spielt eine besondere Rolle. Die „Zeit“-Journalistin kommt dem Politiker so nahe wie nur wenige. Sie interessiert die Frage, wie sich ein konservativer Grandseigneur alter Schule radikalisierte. Die Journalistin zeichnet ihn als einen Mann der Widersprüche. Seine Entwicklung hat für ihn persönliche Konsequenzen: Bildungsbürgerliche Freunde und die Familie haben sich von ihm losgesagt. Doch Gauland ist bereit, diesen Preis zu zahlen.

Während die AfD von einer Randgruppe zur politischen Kraft aufsteigt, verändert sich auch das Leben von Jörn Reichenbach. Als Ingenieur bei Bosch in Stuttgart ist er unmittelbar von der Dieselkrise betroffen. Reichenbach ist einer, der es geschafft hat. Er verdient überdurchschnittlich, hat ein Eigenheim gebaut, seine Kinder sind in guten Schulen. Und doch ist er ein Getriebener. Der Druck bei Bosch ist extrem, er muss funktionieren und die finanziellen Belastungen sind hoch: „Wir dürfen nicht krank werden, die Arbeitskraft muss bestehen bleiben.“ Und dann passiert es: Eines Tages muss Reichenbach ins Krankenhaus. Der worst case ist da.

Unter welchem Druck große Teile der Bevölkerung stehen, zeigt auch die Geschichte von Bozena Block. Sie ist eine tapfere Frau, die sich als Krankenschwester, Pflegekraft und Alleinerziehende durch alle Widrigkeiten kämpft. Dass gerade sie absteigt, ist ein Armutszeugnis für ein reiches Land. Im Laufe ihres Berufslebens haben sich Blocks Arbeitsbedingungen immer weiter verschärft: Immer weniger Personal, immer mehr Überstunden, immer weniger Respekt gegenüber den Menschen. Allein das Geld zählt. Ihr Status schwindet: „Die Lebensqualität in Deutschland hat sich für sie in den vergangenen Jahren verschlechtert. Sie kann sich als Alleinerziehende, die gut ausgebildet ist und Vollzeit arbeitet, kein eigenes Auto und keinen Urlaub leisten.“ Menschen wie sie oder der Polizeibeamte Thomas Matczak, die von einem hohen Arbeitsethos erfüllt sind und denen die Gesellschaft viel verdankt, werden von der Politik allein gelassen. Block ist zeitweilig im teuren München sogar von Obdachlosigkeit bedroht, und Matczak, der beim Staatsschutz in Thüringen arbeitet, soll die Bürger vor Terroristen schützen, wird aber vom Staat steinzeitlich ausgestattet: Für zwei Kommissariate steht ein einziger internetfähiger Computer zur Verfügung, sein Handy ist ein altes Nokiagerät mit Drucktasten! Block: „Viele Menschen, auch ich, wählen schon ein bisschen rechts.“ Und Matczak hat starke Zweifel: „In der Gesellschaft brodelt es. Ich weiß nicht, ob das gesamte System vielleicht einmal überdacht werden muss.“

Jana Simons Porträts sind kleine Meisterwerke. Sie sind emphatisch und einfühlsam geschrieben und bleiben doch immer dezent.

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