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NWZonline.de Nachrichten Politik

Raketen-Ingenieure ohne Skrupel

06.08.2019

Vor 77 Jahren, am 3. Oktober des Kriegsjahrs 1942, wurde in Peenemünde erstmals erfolgreich eine Rakete des Typs A 4 gezündet. Sie erreichte eine Gipfelhöhe von 85 Kilometern und wurde später als „Vergeltungswaffe 2“ bekannt, die tausendfachen Tod unter anderem in London und im belgischen Antwerpen verursachte. Übrigens auch tausendfachen Tod und Leid bei den Zwangsarbeitern in Konzentrationslagern wie Dora-Mittelbau im Harz, wo die „Vergeltungswaffen“ unter unmenschlichen Bedingungen gebaut wurden.

Im Nachkriegsdeutschland galt das Ereignis in Peenemünde unter Ausblendung der unappetitlichen Details des Zustandekommens als Geburtsstunde der Weltraumfahrt – sozusagen wertfrei von Peenemünde bis zum Start der Mondrakete vor 50 Jahren bei Cape Canaveral. Wobei nach der Definition der Internationalen Weltraumföderation von einem Weltraumflug zu sprechen das Erreichen der Grenze von 100 Kilometern voraussetzt. Das schaffte die A4 vor genau 75 Jahren, am 20. Juni 1944 (174 Kilometer Höhe).

In der Bundesrepublik galten die Peenemünder Ingenieure um Wernher von Braun als diejenigen, die die Tür zum Weltraum aufgestoßen hatten, weniger als diejenigen, die eine technologisch hochentwickelte Kriegswaffe für die Nationalsozialisten und ihre Schreckensherrschaft serienreif gemacht hatten, unter Inkaufnahme Abertausender Sklavenarbeiter, von denen Tausende umkamen. „Dual Use“ – ein militärisch wie zivil nutzbares Objekt.

Über Peenemünde, seine Akteure und ihre Wirkmächtigkeit hat das Historisch-Technische Museum Peenemünde einen lesenswerten Band vorgelegt, der viele Fragen stellt. Schon der Titel trägt ein Fragezeichen und bringt die Debatte auf den Punkt: „Krieg oder Raumfahrt? Peenemünde in der öffentlichen Erinnerung seit 1945“ heißt der Band, der jetzt im Christoph Links Verlag erschienen ist (208 Seiten, 20 Euro). Wer eine Darstellung der Geschichte des einst größten Rüstungsforschungszentrums in Europa (es bestand von 1936 bis 1945) erwartet, muss auf andere Veröffentlichungen zurückgreifen. Den Autoren Philipp Aumann, Daniel Brandau, Christian Kehrt und Constanze Seifert-Hartz geht es darum, die Pfade nachzuzeichnen, die die öffentliche Wahrnehmung bestimmten. In den 50er und 60er Jahre waren das die Erinnerungen der in Peenemünde tätigen Ingenieure selbst, die, o Wunder, keine Gewissensbisse hatten. Schließlich galt ihr Streben in ihrer Wahrnehmung doch dem Weltraum, nicht dem Weltkrieg. Allen voran zu nennen ist der „Rocket-Man“ Wernher von Braun, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist und der – obwohl seit 1955 US-amerikanischer Staatsbürger – in Deutschland ein wenig den Nationalstolz als Gesicht der (westlichen) Raumfahrt befriedigte.

Diese Mythen, Peenemünde habe mit der „friedlichen“ Raumfahrt zu tun, illustrieren zahlreiche abgebildete Exponate aus der Dauerausstellung. Aufsätze zur Technikfaszination, die Selbstdarstellung der Waffenentwickler und eine Selbstreflexion zur musealen Erinnerungsarbeit runden den lesenswerten Band ab. Der Katalogteil ist leserfreundlich mit knappen Texten gehalten, was die Absicht der Autoren nicht konterkariert: Dem Leser Anregungen zu Fragen zu geben über die Faszination von Technik und das Erinnern an den Zusammenhang von Fortschritt und Verbrechen.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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