„Himmlers Dienstkalender zeigt einen intriganten, kleinlichen, pedantischen, nachtragenden, schulmeisterlichen, verbissenen und mitunter skurrilen Bürokraten, der zusammen mit zahlreichen Komplizen täglich Mord und Gewalt plante und ausführen ließ.“ Dieses Fazit zieht der Historiker Matthias Uhl anlässlich der Veröffentlichung des lange verschollen geglaubten Dienstkalenders des SS-Chefs.
Uhl, Wissenschaftler am Deutschen Historischen Institut in Moskau, hat den Fund zusammen mit einem Expertenteam ausgewertet. Seiner Meinung nach beweist der Kalender aus den letzten Kriegsjahren „eindrucksvoll die Radikalisierung des untergehenden Regimes“ sowie die Verantwortungslosigkeit Himmlers. Bis zuletzt klammerte sich dieser an jeden Strohhalm und diente sich schließlich sogar den Alliierten an.
Wie so viele Beutestücke hat auch Himmlers Dienstkalender eine lange und verworrene Geschichte hinter sich. Nach schweren Luftangriffen auf Berlin wurde er zusammen mit anderen wichtigen NS-Dokumenten in ein Schloss in Niederschlesien ausgelagert, wo er im Mai 1945 der Roten Armee in die Hände fiel. Am Ende landete das Beutegut in einem Archiv des russischen Verteidigungsministeriums. Dort war es für westliche Forscher über Jahrzehnte unzugänglich. Zunächst einmal überrascht die akkurate Führung und Vollständigkeit. Zwischen dem 1. Januar 1943 und dem 14. März 1945 sind nur sechs Tage ganz ohne Notiz.
Anders als etwa Eichmann war Himmler kein Schreibtischtäter, er war sehr viel unterwegs, besichtigte eingehend die Konzentrationslager und war mehrfach Zeuge der Ermordung von Juden.
Ihren eigentlichen Wert erhält die Publikation durch die Einordnung der Kalendereinträge in die Tagesgeschehnisse. Denn die dürren Notizen allein lassen selten ihre grausame Dimension erkennen. Aus dem Eintrag vom 12. Februar 1943 „Besichtigung des SS-Sonderkommandos“ in Sobibor lässt sich schwerlich herauslesen, dass sich Himmler persönlich an diesem Tag die Funktionsweise der Gaskammern in dem Vernichtungslager erklären ließ.
