Die Initiative von etwa 100 Lungenärzten gegen die geltenden Grenzwerte für Stickoxid und Feinstaub überrascht in vielerlei Hinsicht. Es wurden in den letzten drei Jahren keinerlei Studien publiziert, die entweder die Gefahren des Feinstaubs oder von Stickoxiden relativiert hätten. Es haben sich daher auch in anderen Ländern keine Arztgruppen gemeldet, die für eine Anhebung der Grenzwerte eingetreten wären. Sehen die Kollegen hier also etwas, was allen anderen entgeht? Der Sprecher der Initiative, Professor Dieter Köhler, erklärt, dass die Arbeit der schätzungsweise 10 000 Kollegen, die sich sonst mit dem Thema beschäftigen, auch an Elite-Universitäten wie Harvard, Stanford oder der LMU München als einseitig, kurzsichtig und letztlich von Karriere- und Geldinteressen geleitet sei. Stimmt das? Ich beschäftige mich als Epidemiologe und Politiker seit einigen Jahren sehr intensiv mit der Frage der Bedeutung von Feinstaub. Zum einen, weil sich zunehmend zeigt, dass Feinstaub insbesondere auch ein wichtiger Risikofaktor für das Gehirn und die Alzheimer-Demenz ist. Zum zweiten, weil ich seit Jahren für eine Untertunnelung der Autobahnen A 1 und A 3 in Leverkusen, meinem Wahlkreis, kämpfe. Nicht alles ist falsch, was Köhler sagt. Es stimmt, dass kleiner und ultrakleiner Feinstaub wesentlich gefährlicher ist als Stickstoff (NOx). Es stimmt auch, dass die Festsetzung von Grenzwerten immer eine politische Entscheidung ist, die regelmäßig überprüft werden muss. Trotzdem hat sich gezeigt, dass auch NOx ein vom Feinstaub unabhängiger Risikofaktor ist. Dies wissen wir aus Tierexperimenten, Versuchen mit Menschen und epidemiologischen Studien. Daher sterben an Tagen, an denen die NOx-Werte hoch sind, mehr Menschen, unabhängig vom Feinstaub. Eine methodisch sehr gute Übersichtsstudie der University of London aus dem Jahre 2016 kann über meine Facebook-Seite gefunden werden. Aus Studien wie diesen hat die WHO abgeleitet, wie viele Menschen mehr sterben, wenn die NOx-Werte steigen.
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