Ritterhude - Die Blumen in der Vase sind vertrocknet, die kleine weiße Grabkerze vor dem hohen Stahlgitterzaun in der Ritterhuder Kiepelbergstraße ist lange ausgebrannt. Hinter dem Zaun liegt eine grüne Brachfläche. Dort entsorgte und verbrannte das Unternehmen Organo Fluid viele Jahre Chemieabfälle. Bis zum 9. September 2014. An diesem Dienstag gab es auf dem Betriebsgelände mehrere heftige Explosionen. Ein Mitarbeiter starb. Es gab Verletzte, und viele Häuser wurden stark beschädigt.
Darunter auch das in der Kiepelbergstraße 10. Karl-Friedrich Brust war damals im Kino, doch sein 90-jähriger Vater war zu Hause und bekam die Explosion in vollem Umfang mit. Das Haus wurde stark beschädigt, der Wintergarten zerstört. „Ein gewaltiger Schaden“, sagt der heute 62-jährige Brust, der mit anderen Anwohnern schon viele Jahre vor der Explosion gegen die Chemiefabrik in dem idyllisch gelegenen Misch-Gewerbe-Wohngebiet kämpfte.
Starke Druckwelle
Am 9. September 2014 waren die Detonationen bis nach Bremen zu hören. Stundenlang kämpften die Feuerwehrleute damals gegen die Flammen. Ein 60-jähriger Mitarbeiter der Entsorgungsfirma starb später an seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus. Die Druckwelle beschädigte rund 40 Häuser in dem Wohngebiet. Fenster gingen zu Bruch, Autos wurden durch umherfliegende Trümmerteile beschädigt. Zahlreiche Familien verloren vorübergehend ihr Zuhause.
Nach der Explosion begann die Staatsanwaltschaft Verden sofort mit Ermittlungen. Die Liste der Vorwürfe war lang: Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen, unerlaubter Betrieb von Anlagen und Verdacht auf Bestechlichkeit beziehungsweise Bestechung. Ermittelt wurde gegen den Chef, die Geschäftsführung und Mitarbeiter von Organo Fluid sowie Mitarbeiter des zuständigen Gewerbeaufsichtsamtes in Cuxhaven.
Dass es schwere Versäumnisse beim Unternehmen und den Aufsichtsbehörden gab, stand auch nach einer Untersuchung des niedersächsischen Umweltministeriums fest. Doch die Staatsanwaltschaft stellte im Februar 2018 die Ermittlungen in „wesentlichen Kernpunkten“ ein: „Im Falle einer Anklageerhebung wäre nicht mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit mit einer Verurteilung der Beschuldigten zu rechnen.“
Beschwerde scheitert
Ein halbes Jahr später scheiterten 16 Anwohner mit ihrer Beschwerde gegen die Einstellung bei der Generalstaatsanwaltschaft in Celle. Die Beschwerde sei „unbegründet“, hieß es. Dabei haben die Explosion und der lange Betrieb bei den Anwohnern für Verbitterung, Enttäuschung und Ernüchterung gesorgt. „Es gab keine Aufarbeitung und keine Konsequenzen“, sagt Brust. Er spürt auch nach so vielen Jahren einen deutlichen Groll gegen Behörden und den Organo-Fluid-Chef, der sich nicht einmal entschuldigt habe.
