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Kirche: Papst-Schreiben gilt als Provokation

25.07.2020

Rom /Berlin Wenn in Rom im Hochsommer der Asphalt dampft, die Luft flirrt und die Konturen verschwimmen, dann kommt das Leben in der sogenannten Ewigen Stadt teils zum Erliegen. Für den Vatikan scheint das allerdings nicht zu gelten, denn der schreckt seine Schäfchen mitten in der Ferienzeit auf – mit einer Instruktion, die sogar unter Bischöfen auf offene Ablehnung stößt.

Das Schreiben

Das Schreiben der Kleruskongregation des Vatikans trägt den einschläfernden Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“. Der darunter folgende Text hat in etwa die Lebendigkeit eines Telefonbuchs mit Fußnoten. Dennoch ist er für viele Katholiken eine Provokation, ja ein Skandal. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, bescheinigt dem Papier eine „abenteuerliche Realitätsferne“.

Worum geht es?

Die Not in der katholischen Kirche ist sehr groß: Zurzeit gibt es in Deutschland noch 13 000 Priester, vor 30 Jahren waren es noch 20 000. Im vergangenen Jahr wurden nur 63 Männer neu zu Priestern geweiht – bei immerhin noch 22,6 Millionen Katholiken im Land. Jedes Jahr wird in den Kirchen neu um mehr Priesternachwuchs gebetet – bisher allerdings ohne großen Erfolg. Es herrscht totale Unterversorgung. Die Bistümer mussten darauf zwangsläufig reagieren. Sie haben immer mehr Pfarreien zu Großgemeinden zusammengelegt. An deren Spitze steht dann oft nur noch ein Team von zwei oder drei Priestern. Natürlich können die nicht die ganze Arbeit allein bewältigen. Viele ihrer früheren Funktionen werden deshalb mittlerweile von bezahlten Mitarbeitern – zum Beispiel Gemeindereferenten und -referentinnen – oder von Ehrenamtlichen ausgeübt.

Reaktion des Vatikans

Das aber – so stellt der Vatikan nun in seiner von Papst Franziskus abgesegneten Instruktion klar – ist so in der katholischen Kirche nicht vorgesehen. Pfarreien können demnach nur in begründeten Ausnahmefällen aufgehoben oder verschmolzen werden – und Priestermangel ist laut Vatikan generell kein akzeptabler Grund dafür. Als „illegitim“ bezeichnet die Instruktion die Leitung einer Pfarrei durch ein Team aus dem Pfarrer und Nicht-Klerikern. Nach traditionell katholischem Verständnis steht der Priester in einer besonderen Verbindung zu Gott – und kann von daher eine ganz andere Autorität beanspruchen.

Was passiert nun?

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will trotz der Instruktion auf dem eingeschlagenen Weg bleiben. Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode weigert sich, die neuen Organisationsformen wieder abzuschaffen. In seinem Bistum rückte Ende vergangenen Jahres die Gemeindereferentin Christine Hölscher an die Spitze der Pfarreiengemeinschaft Bad Iburg/Glane auf. Ihr stehen dort auch zwei Priester zur Seite, aber sie ist die Chefin, die Finanzen, Personal und Gebäude managt. Bischof Bode, der als einer der fortschrittlichsten Bischöfe gilt, will dieses Modell nicht nur als Reaktion auf den Priestermangel verstanden wissen: Eine stärkere Machtteilhabe von Laien sei auch ein Mittel gegen Machtmissbrauch von Klerikern. „Leider ist diese ,Instruktion‘ eine so starke Bremse der Motivation und Wertschätzung der Dienste von Laien, dass ich große Sorge habe, wie wir unter solchen Bedingungen neue engagierte Christen finden sollen“, kritisiert er.

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