ROSTOCK - „Euch allen ein Glückauf“, verabschiedet sich Oskar Lafontaine. Da steht einer, der seinen Abschied regelrecht zelebriert. Stehender Beifall für den Saarländer: Dieses Mal hat er die Herzen „seiner“ Genossen erreicht. Sie sollten den eingeschlagenen Weg „unbeirrbar“ weitergehen. „Eine erfolgreiche Strategie wechselt man niemals aus“, mahnt Lafontaine, Kurs zu halten. Begeistert wird der 66-jährige gefeiert. Hier in der Stadthalle von Rostock ist er noch einmal in seinem Element: Seine Rede, polemisch, zugespitzt, angriffslustig, eine Generalabrechnung mit den Regierenden.

Der letzte Auftritt vor seinem krankheitsbedingten Rückzug als Parteichef am Sonnabend, eine Zäsur für die Linkspartei – einige Delegierte haben nachher Tränen in den Augen. Die Linkspartei, versöhnt mit ihrem scheidenden Chef. Bei der SPD hatte Lafontaine als Parteichef einst über Nacht hingeschmissen. Bei der Linkspartei vollzieht er nun eine ebenso geordnete wie harmonische Staffelstabübergabe, tritt zusammen mit Ko-Parteichef Lothar Bisky (68) ab.

Der Abschied von den alten Herren als neuer Aufbruch? Zumindest konnten größere Personalquerelen vermieden werden. Mit Klaus Ernst und Gesine Lötzsch rückt erneut ein Duo an die Parteispitze.

Zunächst gibt es noch ein wenig Klamauk auf der Parteitagsbühne, als mit Heinz Josef Weich ein Kommunalpolitiker aus Niedersachsen kabarettreif seine Konkurrenzkandidatur zu Ernst bekannt gibt. Doch der Mann mit der Blechtrommel in der Hand bleibt chancenlos. Gewählt wird Ernst, der IG-Metall-Funktionär und Bundestagsabgeordnete aus Bayern – mit 74,9 Prozent, deutlich mehr als erwartet. Lötzsch aus Berlin kommt auf 92,8 Prozent.

Der Haushaltsexpertin aus Ostberlin und Ernst steht eine beachtlich große, sorgsam nach Ost-West und Frau-Mann austarierte Führungsmannschaft zur Seite: Vier Vizes, darunter die Kommunistin Sahra Wagenknecht, zwei Geschäftsführer – Caren Lay (37) und Werner Dreibus (62) – sowie zwei „Parteibildungsbeauftragte“. Nur für den langjährigen Parteimanager Dietmar Bartsch gibt es in der Führung keinen Platz mehr. Fraktionschef Gregor Gysi dürfte dagegen in die Rolle des heimlichen Vorsitzenden schlüpfen. In Rostock schien er sich dafür bereits warmzulaufen.

Aufbauarbeit – das scheint jetzt bei der Linken angezeigt. Auch wenn sich die Genossen immer noch am Wahlerfolg in Nordrhein-Westfalen von vor einer Woche berauschen: Zu sich gefunden hat die Partei noch lange nicht. So flammt auch in Rostock der Kursstreit kurzzeitig wieder auf: Regierungsbeteiligungen oder reine Lehre? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Stehen doch die Genossen an Rhein und Ruhr unmittelbar vor Sondierungsgesprächen mit SPD und Grünen. Schweigend verfolgt Lafontaine die Debatten von seinem Platz aus. Was Nordrhein-Westfalen angeht, hatte er bereits in seiner Rede grünes Licht gegeben: „Wir sind bereit, eine rot-rot-grüne Regierung mitzutragen, wenn der Sozialabbau verbindlich im Bundesrat gestoppt wird.“ Lafontaines Nachfolger sehen es nicht viel anders.

Zum Abschied spielen sie für den Saarländer in Rostock das „Lied der Pariser Kommune“. Dann gibt es Geschenke, Gratulationen und rote Rosen und Gerbera. „Oskar, ohne Dich gäbe es uns so nicht“, bedankt sich Gregor Gysi noch einmal. Kämpferisch präsentiert sich Lafontaine hier in Rostock. Er zitiert Brecht, verbeugt sich vor Liebknecht und Luxemburg. „Macht‘s gut! Macht‘s besser!“, ruft er. Und es klingt, als werde Lafontaine das ganz große Rampenlicht schon bald vermissen.