Salzgitter - Es piept. die Türen schließen sich. Und dann rollt der Zug an. Kaum spürbar. Vergeblich warten die Passagiere auf ein Ruckeln oder Knarzen. „Wir haben in den sechs Jahren des Probebetriebs viel gelernt“, sagt Müslüm Yakisan, Präsident der Region „DACH“ des Bahntechnik-Konzerns Alstom. Er und sein Team präsentieren an diesem Donnerstag am Standort in Salzgitter dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und Europaministerin Birgit Honé (beide SPD) den weltweit ersten mit Wasserstoff betriebenen Personenzug. Er soll ab Frühjahr 2022 auf der Strecke Bremervörde – Cuxhaven im Linienbetrieb eingesetzt werden.
Das Projekt
Erste Vorstudien erfolgten bereits 2014. Seit 2016 wird getestet. Alstom hat zwei Vorserienmodelle vom Typ „Coradia iLint“ gebaut. Sie legten von September 2018 bis Ende Februar 2020 rund 200 000 Kilometer im regulären Fahrgastbetrieb zurück – auch in Niedersachsen sowie unter widrigen Bedingungen mit Eis und Schnee in Österreich. In Deutschland werden nächstes Jahr 41 Wasserstoffzüge starten. Zum Preis von 81 Millionen Euro hat allein die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) 14 Stück bestellt, sagt LNVG-Geschäftsführerin Carmen Schwabl. Sie werden von den Verkehrsbetrieben Elbe-Weser (evb) zwischen Bremervörde und Cuxhaven eingesetzt. Die Firma Linde baut dazu in der Region eine Wasserstoff-Tankstelle.
Die Technik
Bei dem Zug gibt es Yakisan zufolge im Vergleich zum Vorserienmodell wesentliche Verbesserungen: weniger Vibrationen, weniger Geräuschemissionen, geringer Verbrauch. Mit einer Tankfüllung kann der „Coradia iLint“ etwa 1000 Kilometer fahren. Der Tank, auf dem Dach montiert, fasst 180 Kilo Wasserstoff, bei 350 Bar Druck. In der Spitze ist der Wasserstoffzug 140 km/h schnell. Sitzplätze gibt es für maximal 150 Passagiere. Ein Betankungsvorgang dauert gerade einmal 15 Minuten, so der Alstom-Manager. „Das ist wie beim Tanken mit konventionellem Treibstoff“, erklärt Yakisan. Weil probiert es aus; doch der Stutzen lässt sich nicht auf Anhieb arretieren. Maik Tauchnitz, Gruppenleiter für die Inbetriebnahme des Zugs, packt mit an. „Da war noch Restdruck drauf“, entschuldigt er den Regierungschef. Alstom-Chef Yakisan beklagt, dass aus formalen Gründen Lastwagen oder andere Fahrzeuge nicht an der Wasserstoff-Tankstelle der Bahn betankt werden dürfen. Andernfalls müssten Subventionen zurückgezahlt werden.
Die Perspektiven
Der „Coradia iLint“, betrieben mit einer Brennstoffzelle, gibt lediglich Wasserdampf und Kondenswasser ab. Alstom sei der Konkurrenz zwei Jahre voraus, meint Yakisan. Diese Zeit wolle der Konzern nutzen. „Wasserstoff ist ein Alleskönner“, zeigt sich Weil begeistert. Auf dem Weg zur Klimaneutralität stehe die Industrie vor einem riesigen Umbauprozess. Am traditionsreichen Industriestandort Salzgitter werde das besonders deutlich. Er hoffe, dass in Niedersachsen schnell grüner Wasserstoff produziert werden kann. Carmen Schwabl schließt nicht aus, dass der Wasserstoffzug in zehn oder 20 Jahren auch im Nordwesten fährt – etwa auf der Strecke Oldenburg – Osnabrück. Im Führerstand des „Coradia“ betätigt die LNVG-Managerin intutitiv das Signalhorn. Der Hightech-Zug kann kommen.
