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Zivildienst „Die Jungs werden uns alle fehlen“

SCHORTENS - Wenn Timo Ullrich und Denis Gilz in der Altenwohnanlage der AWo in Heidmühle unterwegs sind, dann geht ein Lächeln über die Gesichter der Senioren. Botengänge erledigen, den Garten und die Wohnanlage in Schuss halten, Müll hinaustragen, kleine Reparaturen im Haus erledigen und zwischendurch einen kleinen Plausch mit den Senioren halten – vor allem bei den alten Damen haben die beiden zuvorkommenden und fleißigen jungen Männer „einen Schlag“.

Timo (22), gelernter Zimmermann aus Sillenstede, und Denis (21), Kampfsporttrainer aus Wilhelmshaven, sind die beiden letzten Zivildienstleistenden der AWo in Heidmühle. Denis’ Zivi-Zeit endet schon in der kommenden Woche am 31. März, Timo bleibt noch bis Ende Juni. Danach bleibt Wehmut.

„Die Jungs sind ein Geschenk des Himmels“, sagt die Leiterin der Altenwohnanlage, Vera Skrivanek. Seit es die Anlage in der Mozartstraße gibt – und das sind immerhin schon rund 40 Jahre – waren dort immer auch Zivildienstleistende beschäftigt, manchmal sogar vier in einem Jahr. Gerade im Moment würden die Zivis gebraucht, weil das Haus aufwendig umgebaut und modernisiert wird. „Durch den Umbau haben wir jede Menge zu tun“, sagt Timo, der überdies auch Aufgaben des seit längerem erkrankten Hausmeisters übernimmt. Timo, der seinen Zivildienst im technischen Dienst des Hauses absolviert, hilft u.a. auch beim Umzug der Bewohner von den noch nicht sanierten in die bereits sanierten Altenwohnungen, Denis ist quasi der „Saubermann“ und hält Haus und Hof in Schuss.

Die meisten gehen im März

In Kürze ist der Zivildienst in Deutschland Geschichte. Der Dienst war über Jahrzehnte an die Existenz der Wehrpflicht gekoppelt und war somit das alternative Pflichtprogramm für alle wehrdiensttauglichen Verweigerer. An seine Stelle soll, so hat es der Bundestag jetzt beschlossen, der Bundesfreiwilligendienst treten.

Im gesamten AWo-Bezirk Niedersachsen-Bremen stehen insgesamt rund 750 Plätze für Zivildienstleistende zur Verfügung, erklärt die bei der AWo zuständige Abteilungsleiterin Anna Brandt. Aktuell seien noch 150 Zivi-Stellen belegt, In Friesland bietet die AWo 31 Zivi-Stellen, noch sieben leisten ihren Dienst. Davon würden die meisten jetzt Ende März gehen, die übrigen folgen Ende Juni. Man suche nun nach Alternativen, um die Lücken füllen zu können.

Die meisten Zivildienstleistenden würden in der Pflegehilfe und im Betreuungsdienst eingesetzt und assistieren den Fachkräften bei der Pflege und Versorgung alter und kranker Menschen, sagt Brandt. Andere Zivis arbeiten in den mobilen sozialen Einrichtungen der AWo, erledigen Einkaufs- oder Behördenfahrten, bringen das Essen auf Rädern oder helfen als Zivis in stationären Einrichtungen bei der Begleitung psychisch Kranker oder sind – wie Timo und Denis – Gärtner, Hausmeister, „Mädchen für alles“.

Doch nicht nur in sozialen Einrichtungen wie bei der AWo, in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern oder bei Rettungsdiensten, beim DRK, den Johannitern oder den Maltesern waren und sind Zivildienstleistende über viele Jahrzehnte wichtige Unterstützung. Axel Colinet (20) aus Schortens zum Beispiel ist Zivi im örtlichen Jugendzentrum „Pferdestall“.

Mit einem Praktikum fing es an und als die Zivi-Stelle neu besetzt werden musste, habe er sich beworben, sagt der junge Mann. So kümmert er sich noch bis Ende Juni darum, das Haus und das Außengelände in Ordnung zu halten, geht mit den Jugendlichen einkaufen, klebt die Plakate mit den Konzertankündigungen, bereitet die Räume vor, übernimmt den Thekendienst und beschäftigt sich natürlich auch mit den Jugendlichen.

„Unser Zivi ist der Dreh- und Angelpunkt im Haus“, sagt Sandra Schollmeier-Ott vom Leitungsteam des Jugendzentrums. Er sei am längsten vor Ort, bekomme daher am meisten mit und sei somit wichtige Infoquelle. Zivi Axel ist Botenjunge, Putzfrau und Hausmeister in Personalunion. „Ohne ihn wird’s schwierig“, sagt Schollmeier-Ott. Wie es künftig ohne Zivi im „Pferdestall“ weitergeht, ist noch offen. Eventuell kann die Jugendwerkstatt einen Teil der Hausmeisterarbeiten miterledigen.

Auch die Förderschule am Schlosserplatz in Jever greift seit Jahren auf die Hilfe von Zivildienstleistenden zurück. Seit vorigen September und noch bis Ende Mai leistet dort Julian Braun (19) seinen Zivildienst und sieht die neun Monate als „wichtige Erfahrung für’s Leben“. „Julian ist als Zivildienstleistender eine große Hilfe in der täglichen Arbeit mit geistig beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen, weshalb die Schule im Grunde genommen nicht auf Zivis verzichten kann“, sagt Schulleiterin Jutta Stuhm.

Hoffen, dass es weitergeht

Julian, der nach seiner Zivildienstzeit Musik studieren will, aber auch Gefallen an seiner jetzigen Tätigkeit gefunden hat, begleitet einzelne Schüler im Unterricht, übernimmt pflegerische Tätigkeiten und hauswirtschaftliche Arbeiten, ist Aufsichtskraft, nimmt an Klassenfahrten teil oder begleitet die Schüler zum Schwimmen oder bei einem therapeutischen Reitprojekt. „Ich helfe überall dort, wo einer fehlt“, sagt Julian.

„Wir können nur hoffen, dass die Bedingungen der neuen Dienste mit den Möglichkeiten der Schule in Einklang zu bringen sind, damit weiterhin ein interessanter und für alle Beteiligten bereichernder Dienst geleistet werden kann“, meint Jutta Stuhm.

Ob in der Förderschule, in den Jugendzentren, bei der AWo und in vielen weiteren sozialen Einrichtungen: Die Zivis werden eine große Lücke hinterlassen. Manche Aufgabe würde liegenbleiben, etliche Leistungen wegfallen. „Die Jungs bringen Lebensfreude und frischen Wind ins Haus. Sie werden uns fehlen – der Einrichtung und den Bewohnern“, sagt Vera Skrivanek von der AWo. Zivi Timo Ullrich bedauert, dass sein Dienst bald endet: „Ich komme gerne hier her. Ich sammele hier wichtige Erfahrungen für’s Leben.“

Oliver Braun
Oliver Braun Redaktion Jever
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