Nordenham - Es ist wahrlich kein Zuckerschlecken, kein eigenes Heim zu besitzen. Geschätzte 300 000 Menschen haben alleine in Deutschland keinen festen Wohnsitz. Die Obdachlosen ziehen oftmals von Stadt zu Stadt und lassen sich dann irgendwo einmal sesshaft nieder. So auch in Nordenham. Am Dienstagnachmittag trafen sich mehrere Betroffene bei der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Wesermarsch, um untereinander und auch interessierten Zuhörern ihre Erfahrungen zu schildern.
Andere Form gewählt
„Normalerweise bieten wir überwiegend Vorträge an“, sagt Karin Schelling-Carstens, Leiterin des Diakonischen Werks Wesermarsch. „Diesmal wollten wir aber eine andere Form wählen.“ Also fragte sie bei Ingrid Korte (Sozialpädagogin der ambulanten Wohnungshilfe in Nordenham) nach, ob dort ein Treffen stattfinden könnte. Unter dem Motto „Vogelfrei und ohne Sorgen“ erzählten dann umherziehende Wohnungslose aus ihrem Leben. Zu den Besuchern gehörten auch Diakoniepfarrer Ingmar Hammann sowie Verwaltungskraft Gunda Behrmann.
„Vielen Menschen ist überhaupt nicht klar, was es heißt, obdachlos zu sein“, sagt Karin Schelling-Carstens. Also erzählten die Betroffenen munter drauf los. „Ich fühle mich gar nicht als Obdachloser, sondern als Berber“, sagt einer von ihnen. Seit mittlerweile 45 Jahren befindet er sich auf der Straße. „Ich habe immer mal hier, mal da gearbeitet und bin dann wieder weitergezogen.“
Ein anderer Wohnungsloser weilt nun schon seit zehn Jahren in Nordenham. Zwischendurch hatte er drei Jahre lang in einem Ein-Euro-Job gearbeitet. „Und dann bin ich hier hängengeblieben.“
In Nordenham sesshaft geworden ist auch einer in der Gruppe, der zuvor 32 Jahre umherzog. „Ich bin damals arbeitslos geworden und habe anschließend meine Wohnung verloren“, erzählt er über die Gründe. „Ich habe dann in Innenstädten musiziert und mir damit etwas Geld zum Überleben verdient.“ Nun aber mache sein Körper nicht mehr so mit, wie er es gerne hätte, und deswegen möchte auch er gerne in Nordenham bleiben.
Willkürliche Schikanen
Trotz aller Freiheit, die die Wohnungslosen verspüren: Ganz so sorgenfrei ist das Leben auf der Straße nicht. „Ich muss jeden Tag schauen, wo ich schlafen kann“, sagt einer. Hinzu kämen auch manchmal willkürliche Schikanen der Ordnungshüter.
„Außerdem herrscht unter den Obdachlosen längst nicht mehr so ein großer Zusammenhalt wie früher“, sagt ein Wohnungsloser. Auch unter den in Nordenham lebenden Obdachlosen komme es öfter mal zum Streit – manchmal auch heftiger. „Das kommt immer auf den Alkoholpegel an“, heißt es. Zudem müsse man stets auf der Hut sein, nicht beklaut zu werden.
Zu Beginn der Obdachlosigkeit genießen manche noch die anfängliche Freiheit. „Aber je länger diese Zeit dauert, desto schwerer ist der Weg in ein geregeltes Leben zurück.“
