München - So schön kann demonstrieren sein. Man kämpft für etwas Gutes, man kann es „denen da oben“ mal wieder zeigen, man ist mit Gleichgesinnten zusammen. Und das alles bei einem Wetter, wie es schöner kaum sein könnte: Über München wölbt sich an diesem Fronleichnamstag ein stahlblauer Himmel, ein leichter Wind macht die erste Hitzewelle des Jahres erträglich - ideales Badewetter. Aber die drei schwitzenden Herren, die aus Lindau am Bodensee zur großen G7-Demo nach München gekommen sind, fühlen sich mitnichten am falschen Ort. „Das hier ist heute wichtiger“, sagt einer von ihnen. „Den See gibt es morgen ja auch noch.“

Eigentlich war diese Demonstration ein riesiges, buntes Volksfest. Zuerst schien das Häufchen am Startpunkt des Protestzuges am Münchner Stachus noch recht überschaubar. Doch die Zahl der Aktivisten wuchs und wuchs. Die Polizei zählte schließlich fast 35 000 Menschen, die auf einer langen Route durch die Münchner Innenstadt zogen, um ihre Stimme gegen die „zerstörerische Politik der G7“ zu erheben, gegen die Politik der sieben großen Industrienationen, deren Führer sich ab Sonntag zu ihren Gesprächen im idyllischen Schloss Elmau treffen. Das war dann schon ziemlich nahe an jenen 37 000 Menschen, die die Veranstalter gleich zu Beginn gezählt haben wollten. Sicher war es einer der größten Protestmärsche der letzten Jahrzehnte in München. Die Fronleichnamsprozession am selben Tag hatte nur 9000 Teilnehmer auf die Beine gebracht.

Für die zahlreichen, aus mehreren Bundesländern herbeibeorderten Polizisten gab es an diesem überaus friedlichen Tag wenig zu tun. Keine Spur vom „schwarzen Block“, den allseits gefürchteten Randalierern vom linken Rand. Im Münchner Hauptbahnhof entrollten kecke Aktivisten regelwidrig ein Plakat mit einem Aufruf zu einer „Grossdemo“ in Garmisch-Partenkirchen am Samstag. Das war’s auch schon. Damit kein Demonstrant auf dem rund zweistündigen Marsch durch die Münchner City wegen Wassermangel kollabierte, öffnete die Feuerwehr einen unterirdischen Hydranten, der für etwas Erfrischung sorgte. Für die in martialischem Schwarz gekleideten und teils schwer gepanzerten Beamten gab es eine eigene Versorgungsstelle.

Die Organisatoren, darunter das Aktionsbündnis „AufgeMUCkt“, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, der BUND Naturschutz in Bayern und Oxfam, sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. Als sich eine Gruppe von Demonstranten in plüschigen Hasenkostümen aus Protest gegen Tierversuche zu einem spontanen Sit-in auf die Straße warf, wurden die Ordner nervös. „Das geht gar nicht.“ München machte seinem Ruf als Wohlfühlmetropole und Hort bürgerlicher Sicherheit wieder einmal alle Ehre. Aber noch hat der Gipfel ja gar nicht richtig begonnen.

Mittendrin im bunten Getümmel der Globalisierungsgegner: Katharina Trittel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Göttinger Instituts für Demokratieforschung der Georg-August-Universität. Mit ihren Kollegen beackert sie das Feld der Protestforschung. „Was treibt die Menschen an, in Massen auf die Straße zu gehen?“ Erst forschte sie zu Stuttgart 21, dann zu Pegida und No-Pegida. Jetzt die Globalisierungsgegner. „Sehr heterogen“ seien die Protestformen heute, doziert die junge Frau. An zivilgesellschaftlichem Engagement mangele es hierzulande nicht. „Dabei ist natürlich das Gruppenerlebnis wichtig, um sich seiner Haltung auch selbst zu vergewissern.“

Die Protestformen sind an diesem Tag in der Tat sehr heterogen. Annette Fischer, nach eigenen Angaben „Kabarettistin“ aus München, hat sich auf ihrem handgemalten Plakat ein von der Haute Cuisine inspiriertes „Elmauer-Gipfel Menü“ ausgedacht: „Loisachschaumsuppe mit verlorenen russischen Eiern“ als Vorspeise, hernach „Chlorhühnchen an genbehandelter Monsantopolenta“ und als Dessert „schwarz-braune Herrentorte mit Schweinetrüffeln“.

Politisch-Kulinarisches hat auch ein Aktivist der Linken zu bieten, der einen Korb Äpfel „mit Biss“ herumschleppt. Ob diese Äpfel wenig klimafreundlich aus Neuseeland kamen, weiß er nicht. „Ich bin nur einfaches Mitglied.“

Unter den großen Hut G7 passt eigentlich alles, was Menschen heute weltweit bedrückt: Hunger, Armut, Klimawandel, Umweltzerstörung, Flüchtlingsströme, Steueroasen, die angeblich ungerechten Freihandelsabkommen TTIP und CETA, die Macht der Banken und Konzerne. Eine thematische Breite, die sich auch bei den Teilnehmern der Münchner Demo widerspiegelt. Von den Befürwortern einer Freigabe von Cannabis in Bayern über die Gegner von Stuttgart 21 bis hin zu Gegnern von Gentechnik oder Kohleverstromung ist so gut wie jede Schattierung im aktuellen Protestspektrum vertreten. Darunter sogar ein Häufchen Spartakisten. „Wir sind für die weltweite Oktoberrevolution und die Planwirtschaft“, sagt eine junge, sehr auskunftsfreudige Frau namens Nadja aus Berlin. „Weil man im Rahmen des Kapitalismus nichts ändern kann.“

Ein beliebter Anlaufpunkt der zahlreichen Journalisten und Fotografen ist an diesem Nachmittag ein Duo katholischer Verbindungsstudenten in vollem Ornat. Die beiden jungen Männer kamen gerade von der Fronleichnamsprozession und wirkten in der Masse der formlos gekleideten Globalisierungsgegner etwas deplatziert. „Ich habe hierzu keine dezidierte Meinung“, sagt Stephan, 26, BWL-Student, in gesetzten Worten. „Heute hat doch jeder eine Meinung zu allem. Ich finde, man sollte nur seine Meinung äußern, wenn diese fundiert ist und sich nicht von irgendwelchen Parolen anstecken lassen.“

Manche Teilnehmer hatten nicht solch’ klar definierte Haltungen. Wie eine Gruppe junger Männer mit schweren Sonnenbrillen, die vor der McDonald’s-Filiale am Stachus, eine der größten der Welt, fröhlich Oxfam-Fähnchen schwenkten. „Wir haben was gegen Armut“, war auf den Fähnchen zu lesen. Einer von ihnen nuckelte dabei unbeschwert an einem großen Softdrink des nicht nur von Globalisierungsgegnern bekämpften Fastfood-Konzerns.