Nordenham - Rund 150 Gewerkschafter gingen in Nordenham am Sonntagvormittag anlässlich des Maifeiertags auf die Straße. Ihr Motto „Zeit für mehr Solidarität“ trugen sie auf einem großen Banner vor sich her. Auf Plakaten mit Aufschriften wie „Kein Bock auf Nazis“ oder „Ahoi, Mitbestimmung“ warben sie für ihre Anliegen und geißelten Missstände.
Vom Bahnhof aus ging es unter musikalischer Begleitung durch den Elsflether Musikzug „Die Seeräuber“ entlang der Bahnhofstraße durch die Walther-Rathenau-Straße und die Jahnstraße bis zur Jahnhalle. Auf der Freifläche vor dem Kulturzentrum warteten auf die Jüngsten die Hüpfburg des Technischen Hilfswerks und allerlei weitere Spielmöglichkeiten. Für die Erwachsenen gab es Kaffee und Gegrilltes.
Etwa 200 Gäste versammelten sich derweil in der Jahnhalle, um bei den Reden zum 1. Mai aus erster Gewerkschafter-Hand Klartext zu hören. Musikalisch gab dabei die Gruppe Jasch den Takt vor. „Einmal mehr sind wir für unsere Rechte auf die Straße gegangen,“ begrüßte Mustafa Dogan, Kreisverbandsvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), alle Kundgebungsteilnehmer.
Er erinnerte an den diesjährigen Mai-Aufruf zu mehr Solidarität. Sie sei eine gesamtpolitische Notwendigkeit, ohne die es keine soziale Gerechtigkeit gebe. Solidarität dürfe auch nicht an Ländergrenzen Halt machen. Hier sei Europa auf dem falschen Weg, derzeit eher geprägt von Eitelkeiten und emsig dabei, sich einzuzäunen, anstatt die Lasten gerecht aufgeteilt zu tragen. „Wir haben hier zwar keinen offenen Rassismus, trotzdem müssen wir uns Gedanken machen“, betonte Mustafa Dogan.
Aufruf zu Toleranz
Erstmals trat Nordenhams neuer Bürgermeister Carsten Seyfahrt bei einer Maikundgebung ans Rednerpult und dankte den Gewerkschaften für den Mindestlohn. Es müsse möglich sein und bleiben, von seiner Arbeit auch zu leben, sagte er. Mit Sorge sehe er, dass daran nun schon wieder zu kratzen versucht werde und Ausnahmen gefordert würden. Carsten Seyfarth weiter: „Die Gewerkschaften stehen für Solidarität und Toleranz und gegen Ausgrenzung. Nur mit diesen Werten wird Frieden geschaffen. Daher sind die Gewerkschaften für uns wichtige Partner.“
Mit dem Heinrich-Heine-Zitat „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht,“ begann Christoph Ehlscheid als Gastredner seine Maiansprache. Heute müsse man in diesen Reim auch Europa mit einbeziehen, sagte der Leiter der Abteilung Sozialpolitik im IG-Metall-Vorstand aus Frankfurt nach Nordenham gekommen war.
Einst die große Hoffnung auf Wohlstand, Freiheit und Demokratie darstellend, leide Europa heute an „grenzenloser Unsicherheit“, so Christoph Ehlscheid. An den Südgrenzen beispielsweise hätten 50 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Die Regierungen kuschten vor den Finanzmärkten und spielten so mit dem Feuer, kritisierte der Gewerkschafter. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble forderte er auf, den Blick auf die Banken und Steueroasen zu richten und nicht den Sozialstaat und die Menschen zu attackieren.
Standards nicht senken
Auch zur Flüchtlingskrise, in der Europa zu versagen drohe, nahm Christoph Ehlscheid Stellung. „Steckt nicht mehr Geld in Schlagstöcke, Stacheldraht und Mauern, sondern investiert in Essen, Wohnung, Bildung und Arbeit in den Ländern, aus denen die Menschen kommen“, forderte er. Dabei dürfe die Integration in Deutschland nicht missbraucht werden, um Tarifstandards und den Mindestlohn zu senken. „Unsere Sozialstandards müssen für alle gleichermaßen gelten“, betonte Christoph Ehlscheid.
Eine Abfuhr erteilte der Gewerkschafter der Rente mit 70: „Wer das fordert, hat entweder keine Ahnung von der Wirklichkeit in den Betrieben oder plant schlicht nur die nächste Rentenkürzung.“
