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NWZonline.de Nachrichten Politik

Gedenken: „Unser aller Mutter Genç“

30.05.2018

Solingen /Düsseldorf Es ist ein Tag der Trauer, des Innehaltens, der aufrüttelnden Worte. Vor genau 25 Jahren, in der Nacht des 29. Mai 1993, brannte in Solingen das Haus der türkischstämmigen Familie Genç lichterloh. Fünf Mädchen beziehungsweise Frauen kamen ums Leben. Ein Vierteljahrhundert danach reißen die Wunden wieder auf. In Solingen und Düsseldorf wird der Mordopfer gedacht.

Die Botschaften und Gesten viele Jahre nach der barbarischen Tat tragen eine tröstende Überschrift: Solidarität mit den Angehörigen, gegenseitiger Respekt, enges Zusammenrücken. Kanzlerin Angela Merkel setzt am Dienstag mit ihrer Teilnahme an einer Feierstunde der NRW-Regierung in Düsseldorf ein Ausrufezeichen.

In Solingen stehen Außenminister Heiko Maas (SPD) und sein Amtskollege aus Ankara, Mevlüt Cavusoglu, Seite an Seite. Die schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen sind ausgeblendet. In den Mittelpunkt rückt eine kleine Frau mit Kopftuch, die für viele zum Symbol menschlicher Größe geworden ist, die Grauenvolles erlebt hat. „Unser aller Mutter Mevlüde Genç“, nennt sie Cavusoglu in Düsseldorf.

Die heute 75-Jährige verlor bei dem fremdenfeindlichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. Sie waren vier, neun, zwölf, 18 und 27 Jahre alt. Der Jahrestag ist kräftezehrend für die Muslimin, die nachts noch immer die Schreie ihrer Kinder hört.

In der NRW-Staatskanzlei am Mittag bleibt sie sich treu, mahnt in bewegenden Worten: „Lasst uns zum Guten, nach vorne schauen.“ Der Schmerz nehme auch nach 25 Jahren nicht ab, sagt Mevlüde Genç, die stets Türkisch spricht. Sie wünsche niemandem ein solches Leid. Alle zusammen müssten dem Hass Einhalt gebieten.

Viel politische Prominenz ist an diesem schwül-heißen Dienstag im Ramadan gekommen. Die Bilder des ausgebrannten Dachstuhls, der schwarz verkohlten Mauern des Wohnhauses in der Unteren Wernerstraße 81 gingen vor 25 Jahren um die Welt, schockierten, ängstigten, bleiben bis heute unauslöschlich. Die vier rechtsradikalen Täter waren damals wegen Mordes verurteilt worden. Sie haben ihre Strafe längst verbüßt.

Die Tat gilt als eines der schwersten rechtsextremen Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon vorher hatten Ausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock und Mölln entsetzt. Dann kamen die NSU-Morde 2000 bis 2007, es folgten Hunderte Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte Jahr für Jahr.

Das alles sei untrennbar mit Solingen verbunden, sagen viele Redner bei den Gedenkveranstaltungen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, befreundet mit dem Ehepaar Mevlüde und Durmus Genç (74), wählt warme persönliche Worte. Dass Mevlüde Genç kurz nach dem Anschlag gesagt habe, es seien „nicht die Deutschen, sondern vier Einzeltäter“ gewesen, sei ein „Verdienst, der uns bis heute sprachlos macht“. Genç nennt Laschet „meinen Bruder“. Sie hat für ihren unermüdlichen Einsatz um Versöhnung das Bundesverdienstkreuz erhalten, nun zeigt sie sich berührt: „Es ehrt mich, dass Sie alle meinen Schmerz teilen.“ Merkel würdigt Mevlüde Genç als „Vorbild an Menschlichkeit“. Dass sie keine Rache in sich trage, sei wahre Größe. „Die Lücke in der Familie bleibt für immer“, sagt sie.

In Solingen zeigen später am Nachmittag auch viele Bürger ihr Mitgefühl. Schüler gehen gegen Rassismus auf die Straße. Zeichen der Verbundenheit prägen den Jahrestag. Hunderte verharren bei der Gedenkfeier am Solinger Mahnmal in einer Schweigeminute. Aber dann tobt ein Gewitter, ein Wolkenbruch geht nieder. Das Gedenken wird aus Sicherheitsgründen abgebrochen.

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