Berlin - Die „Saure-Gurken-Zeit“ darf in keinem journalistischen Standardwerk fehlen. Sie steht dafür, dass es im Sommer nur wenige ergiebige Nachrichten gibt. Bricht sie an, wird eigentlich Banales plötzlich wichtig, kleine Fehltritte werden zum Skandal, und bislang unbekannte Politiker drängen in den Vordergrund. In Zeiten der sozialen Netzwerke umso mehr. Nun herrscht Krieg in der Ukraine, die Energie-Krise dürfte auch in den nächsten Wochen das beherrschende Thema sein. Hinzukommt noch die Corona-Pandemie. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dem „Sommerloch“ irgendetwas Skurriles entspringt. Eine Rangliste der besonders geeigneten Themen.
1. Absurde Ideen: Davon gibt es in der Historie des Sommerlochs reichlich. Nummernschilder für Fahrradfahrer, weil zu viele Radler Rot missachten, Vier-Tage-Woche für Pendler wegen hoher Spritkosten, keine bezahlten künstlichen Hüften mehr für die Generation 85 plus – das waren in den vergangenen Jahren mit die schönsten Sommerlochfüller. An der Spitze aller Gaga-Ideen findet sich aber der Vorschlag des inzwischen verstorbenen CSU-Bundestagsabgeordneten Dionys Jobst aus dem Jahr 1993. Mallorca, die Lieblingsinsel der Deutschen, müsse gekauft und zum 17. Bundesland erklärt werden – die Idee machte ihn zum ungekrönten König des Sommerlochs. Zu Lebzeiten erzählte Jobst unserer Redaktion, der Vorschlag sei aus einer lustigen Unterhaltung mit einem Journalisten der „Bild“-Zeitung entstanden. Aus dem Stegreif habe man auch die Kaufsumme 50 Milliarden Mark festgelegt „und uns dabei vor Lachen auf die Schenkel geklopft“. Viele nahmen den Vorschlag jedoch ernst. Vor allem die Urlauber auf Malle.
2. Dienstwagen: Irgendeiner fährt immer mit dem Dienstwagen in die Schlagzeilen, obwohl er das Gefährt nicht nutzen sollte. Legendär ist das Theater rund um die damalige SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ihr war 2009 im Urlaub der Dienstwagen geklaut worden. Vor allem aber hatte sie ihre Luxuskarosse samt Fahrer extra nach Spanien nachkommen lassen, angeblich wegen dienstlicher Termine. Wochenlang wurde über Kosten und Aufwand debattiert, Schmidt steckte im Verteidigungsmodus fest. Und das mitten im Bundestagswahlkampf. Am Ende saß sie die Affäre aus, wurde aber nach der Wahl nicht erneut Gesundheitsministerin. Dass bei Dienstwagen genau hingeschaut wird, erlebt der Berliner Senat im Moment – die vermeintliche Nutzung zu Urlaubszwecken wirbelt im Berliner Boulevard Staub auf.
3. Tiere: Wenn’s der Mensch thematisch nicht mehr bringt, Tiere gehen immer. Der Kaiman Sammy etwa, der 1994 seinem Herrchen bei Dormagen in einem Baggersee entschwommen war und die Republik damit in Aufruhr versetzte. Auch politisch können Tiere herausfordernd sein – wie 2006, als der Bär „Bruno“ in Bayern ein paar Schafe riss und fortan gefühlt von ganz Deutschland gejagt wurde. Selbst der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) war alarmiert und sprach vom „Problembären“. Seitdem ist dieses Wort fester Bestandteil des Sprachgebrauchs.
4. Verbale Attacken: Die gehen immer. Auch ein Bundeskanzler verdiente sich deshalb mal seine Sporen im Sommerloch: Gerhard Schröder. Dessen Nähe zu Russland und sein möglicher Rauswurf aus der SPD könnten auch in den nächsten Wochen durchaus noch Schlagzeilen bestimmen. 2003 reiste Schröder jedenfalls nicht nach Italien in den Urlaub, weil ein gänzlich unbekannter italienischer Tourismus-Staatssekretär die Deutschen beleidigt und ihnen vorgeworfen hatte, lärmend über italienische Strände herzufallen. Bundeskanzler Schröder sagte Basta zu Pasta – und blieb zu Hause in Hannover.
5. Lieder: Das ist neu. Passend zum Sommer gibt es nun auch diesen Füller. Der Partysong „Layla“ und dessen Verbot auf manchen Volksfesten erhitzt weiter die Gemüter. Das Lied steht wegen seiner Textzeilen in der Kritik, obwohl es längst nicht der erste Partysong mit fragwürdigen Aussagen ist. Auch die Politik mischt mit – Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) und viele andere Politiker meldeten sich in der Debatte zu Wort. Endlich mal was anderes als höhere Preise, Gasknappheit oder Klimawandel.
