Ganderkesee - Wenn Jürgen Lüdtke über die Jungen Pioniere, die Freie Deutsche Jugend (FDJ) oder Zeltlager an der Ostseeküste berichtet, entsteht leicht der Eindruck, er habe seine Kindheit in der DDR verbracht. Dabei ist der Ganderkeseer in Braunschweig, also westlich des „Eisernen Vorhangs“, groß geworden. Doch der 67-jährige Rentner widmet sich mit Leib und Seele der Geschichte der deutschen Teilung. Mithilfe seiner großen Sammlung an DDR-Devotionalien – vom Orden bis zur Flagge – hat er bereits mehrere Ausstellungen organisiert.
Den Mauerfall vor 25 Jahren hat er im Fernsehen verfolgt. „Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein“, erinnert sich Lüdtke. Noch in der Nacht auf den 10. November habe er versucht, bei Verwandten in Ostberlin anzurufen – vergeblich. Das Telefonnetz war zusammengebrochen. Zur Zeit der Wende war Lüdtke Unternehmer in Bassum. In seiner Funktion als Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes im Kreis Diepholz und Sprecher der Wirtschaftsjunioren führte er mehrere Delegationen in die neuen Bundesländer und gab Existenzgründern Tipps. „Es gab ein großes Interesse an der Selbstständigkeit.“ Später, als Repräsentant einer Einkaufsgenossenschaft, beriet Lüdtke ab 1990 diverse Unternehmen im Nordosten.
Schon damals seien ihm die zahlreichen Banner und Propaganda-Transparente aufgefallen. „Da wurde viel Wertvolles weggeschmissen“, so Lüdtke, „auch gut erhaltene Schreibmaschinen. Auf einmal waren nur Westwaren gefragt, obwohl es auch gute DDR-Produkte gab.“
Per Zufall, bei einem Restaurantbesuch, geriet er an sein erstes Sammlerstück: die Fahne der Stasi-Bezirksverwaltung Rostock. Nach und nach wurden es mehr, auch durch den Besuch von Flohmärkten. Inzwischen hat er rund 8000 Stücke gesammelt, vom Sportabzeichen bis zum Banner. An die 250 Uniformen nennt Lüdtke sein eigen – darunter auch die Bekleidung von DDR-Feuerwehrleuten und Busfahrern.
„Alles viel zu schade, um im Keller zu verstauben“, meinte auch Ehefrau Heike Kruse. „Mach doch mal eine Ausstellung im Westen“, gab sie ihrem Mann auf dem Weg. Der ließ sich nicht lange bitten. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls stellte Lüdtke eine Ausstellung im Kreismuseum Syke zusammen. Das Leben im „real existierenden Sozialismus“ war das Thema. Zwölf weitere Ausstellungen folgten, darunter im Vorjahr eine Schau im Delmenhorster JuteCenter anlässlich des 60. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR.
Unter dem Titel „Kinder und Jugend in der DDR“ hat Lüdtke nun eine weitere Sonderausstellung im Kreismusum Syke organisiert. Hier will der Ganderkeseer interessierten Bürgern, vor allem Jugendlichen, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer das Alltagsleben junger Menschen hinter dem „eisernen Vorhang“ näher bringen. Die Themenbereiche zeigen unter anderem die Erziehung in Krippe und Schule, das Leben in den Massenorganisationen oder so genannten „Werkhöfen“. Lüdtke zeigt in der DDR produzierte Spielzeuge. Fotos und Textpassagen werfen ein beeindruckendes Bild auf die Gedankenwelt junger Menschen in der DDR und den Umgang mit der Staatsmacht.
Eröffnet wird die Schau an diesem Sonntag um 11 Uhr im Kreismuseum Syke, Herrlichkeit 65. Dort wird der Ganderkeseer auch am 9. November vielen Interessierten Rede und Antwort stehen.
