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NWZonline.de Nachrichten Politik

Blockade prägt Stadt noch heute

26.01.2019

St. Petersburg Welches Schicksal Adolf Hitler Leningrad, der „Wiege des Bolschewismus“, im Zweiten Weltkrieg zugedachte, daran ließ er nicht den Hauch eines Zweifels. Der „Führer“ sei entschlossen, die Stadt „vom Erdboden verschwinden zu lassen“, heißt es in einem Schreiben der Seekriegsleitung vom September 1941. Auch das mit den Deutschen verbündete Finnland habe kein Interesse an der weiteren Existenz der Metropole. „Sich aus der Lage der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll.“

Etwa zur gleichen Zeit hatten die Deutschen und die Finnen ihren Belagerungsring um Leningrad weitgehend geschlossen. Die rund 2,5 Millionen Einwohner sollten an Hunger und Erschöpfung sterben, wenn sie nicht schon vorher aufgrund von Bombardements aus der Luft oder Artilleriebeschuss umkamen.

Erst am 27. Januar 1944, vor 75 Jahren, gelang es der sowjetischen Armee in ihrem sechsten Versuch, die Blockade zu brechen. Was sich in den dazwischenliegenden rund 900 Tagen innerhalb ihrer Mauern abspielte, prägt die Stadt bis heute – auch wenn die letzten „blokadniki“, die Blockademenschen, inzwischen das Greisenalter erreicht haben.

Mit deutscher Gründlichkeit gingen die Belagerer zu Werke. Nach Berechnungen des Ernährungswissenschaftlers Wilhelm Ziegelmayer war es nur eine Frage der Zeit, bis der Mangel an Lebensmitteln die Leningrader dahingerafft haben würde. Dass einige trotzdem überlebten, stellte Ziegelmayer noch nach 1945 vor Rätsel. „Ich bin schließlich ein alter Ernährungsexperte.“ Nicht gerechnet hatte der zynische Fachmann offenbar mit dem Durchhaltewillen und dem Erfindungsreichtum der Betroffenen.

Da wurde die Vitaminmangelkrankheit Skorbut mit Kiefernadelextrakt bekämpft; die Menschen verzehrten Hanfkörner aus Vogelfutter, „dazu Kanarienvögel, Drosseln und Papageien“, schreiben Ales Adamowitsch und Daniil Granin in ihrem „Blockadebuch“. „Man kratze Mehlkleister von den Tapeten, gewann ihn aus Bucheinbänden, kochte Treibriemen aus, aß Katzen, Hunde, Krähen, technische Öle, Leinölfirnis, Medikamente, Gewürze, Vaseline und Pflanzenreste.“

Gleichwohl schlug der Hunger erbarmungslos zu, besonders im „Todeswinter“ 1941/42. „Zuerst starben die Männer, weil sie muskulös sind und weniger Fett haben“, erinnerte sich später eine Ärztin. Die Menschen mutierten zu Greisen, Muskeln und Gefäße traten hervor, „alle hatten ganz welke Haut“. Die ausgemergelten Gestalten brachen lautlos auf den vereisten Straßen zusammen oder wachten in den Betten in ihren zerschossenen Wohnungen nicht wieder auf.

„Die Temperaturen sanken teilweise auf minus 40 Grad“, sagt die aus Sankt Petersburg stammende Historikerin Ekaterina Makhotina. Strom und Brennstoff wurden knapp, man riss Holzhäuser ab, um sie zu verfeuern.

Der Frost bot einigen Einwohnern allerdings auch einen Ausweg aus der belagerten Stadt. Über den zugefrorenen Ladogasee konnten die Sowjets, freilich unter ständigem Beschuss der Deutschen, Menschen heraus- und Lebensmittel nach Leningrad hineinbringen. Selbst Eisenbahngleise wurden über das gefrorene Gewässer verlegt. Dennoch fielen mindestens 800 000 Leningrader der Blockade zum Opfer.

In Deutschland verhinderte nicht zuletzt die Erinnerung an die „Schlacht von Stalingrad“ lange Zeit eine echte Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Wehrmacht im Rahmen des Eroberungs- und Vernichtungskrieges im Osten Europas. Nach einem der verantwortlichen Befehlshaber, Wilhelm Ritter von Leeb, benannte die Bundeswehr 1965 eine Kaserne.

SPD-Urgestein Erhard Eppler mahnte vor einem knappen Jahr dazu, sich im Dialog mit Russland dieser Vergangenheit stets bewusst zu bleiben. Die von den Deutschen verübten Gräueltaten steckten immer noch in den Köpfen vieler Menschen, sagte der heute 92-Jährige.

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