Jever - Als Serveta Salja Anfang der 1990er Jahre dem Bürgerkrieg in Jugoslawien entkam und in Deutschland Schutz vor Tod und Terror fand, da war sie gerade 25 Jahre alt und sprach kein Wort Deutsch. Inzwischen sind Jahre vergangen. Viele Jahre sogar. Serveta Salja hat geheiratet, Andreas Hahn, einen tüchtigen Mann aus Solingen, ist vierfache Mutter geworden und sie spricht inzwischen sehr gut Deutsch.
Das Paar, das sich auf der Hochzeit seiner Cousine in Wuppertal kennen- und lieben lernte, zog 1994 nach Jever und heiratete 1995. Hier kamen auch alle ihre vier Kinder zur Welt und gingen hier zur Schule. Die Älteste ist heute 20 Jahre alt und inzwischen aus dem Haus, die beiden mittleren werden gerade flügge. Der jüngste Sohn, Sebastian, ist zwölf, besucht die KGS in Wittmund und ist aktiver Sportler im Vereinsleben der Stadt.
Serveta Hahn, wie die heute 48-Jährige seit 20 Jahren heißt, ihr Mann Andreas (52) und ihre Kinder wohnen in einem kleinen Häuschen mitten in Jever. Sie ist Hausfrau, er ist wegen gesundheitlicher Probleme seit kurzem Rentner. Eigentlich eine ganz normale Familie. Und doch bedrücken große Sorgen das Leben der Hahns: Serveta Hahn ist staatenlos in ihrer eigenen deutschen Familie.
Jever ist neue Heimat
Seit Jahren schon bemühen sich die Eheleute um eine Einbürgerung von Serveta Hahn. Doch die Bürokratie, eine komplizierte Gesetzeslage und die Folgen des Bürgerkriegs in ihrer Heimat verhindern das. Der Frau schießen die Tränen in die Augen, wenn sie ihre Situation schildert: „Nein, der Kosovo ist nicht meine Heimat. Das ist nur das Land, wo ich herkomme“, korrigiert Serveta Hahn. „Jever ist schon lange meine Heimat. Hier lebe ich seit 20 Jahren und hier lebt meine Familie.“ Ein Bruder, der damals ebenfalls floh, lebt in Frankreich, ein anderer Bruder starb im vergangenen Jahr. Der Vater kam im Jugoslawien-Krieg ums Leben und auch ihre Mutter lebt schon lange nicht mehr.
Die unklare rechtliche Situation bedrückt vor allem Andreas Hahn. Der 52-Jährige will seine Ehefrau und Mutter seiner Kinder abgesichert wissen für den Fall, dass es ihm schlechter gehen oder ihm etwas passieren sollte. Als Staatenlose stünde Serveta Hahn im Falle eines Falles sehr viel schlechter da, könnte nicht einmal eine Witwenrente beantragen – ganz gleich, dass sie vier deutsche Staatsbürger zur Welt gebracht hat.
Zuständig in ihrem Fall ist das Ausländeramt des Landkreises Friesland. Doch die Behörden halten sich mit dem Hinweis auf den Datenschutz sehr bedeckt in dem Fall und verweisen auf Nachfrage der NWZ nur ganz allgemein auf gesetzliche Grundlagen und Voraussetzungen der Einbürgerung. „Im Ausländeramt erzählte uns ein Mitarbeiter, wir sollten froh und dankbar sein, dass meine Frau nicht abgeschoben wird“, zürnt Andreas Hahn.
Die im Kosovo als Tochter muslimischer Albaner geborene und später in Montenegro aufgewachsene Serveta Hahn ist Analphabetin mit gutachterlich attestierter Lernschwäche. So kann sie trotz inzwischen guter deutscher Sprachkenntnisse keinen Einbürgerungstest machen.
Papiere abgelaufen
Das viel größere Problem ist, dass Serveta Hahn nicht mehr nachweisen kann, wann und wo sie geboren wurde: Im Jahr 2000, da lebte sie schon sechs Jahre in Jever, lief die Gültigkeit ihres serbischen Passes ab. „Für eine Verlängerung oder Neuausstellung der Dokumente fühlte sich damals keine staatliche Stelle zuständig“, sagt Andreas Hahn. Durch den Krieg sind vor 20 Jahren neue Staatsgrenzen im einstigen Jugoslawien entstanden. Das serbische Konsulat zuckt mit den Schultern und im Kosovo seien keine Dokumente mehr aufzutreiben.
Seit 15 Jahren ist Serveta Hahn nun offiziell staatenlos und lebt mit einem zunächst befristeten und inzwischen unbefristeten Aufenthaltstitel in Deutschland.
Laut Staatsangehörigkeitsgesetz muss aber jeder Einbürgerungsbewerber seine Identität und Staatsangehörigkeit nachweisen. Eine ungeklärte Identität und Staatsangehörigkeit machen eine Einbürgerung unmöglich. Die Behörden wollen auf diese Weise auch verhindern, dass sich Einbürgerungsbewerber mit Hilfe des Staates eine neue Identität verschaffen.
Doch die Identität und Staatsbürgerschaft nachzuweisen, hat sich für die Eheleute zu einem nahezu unmöglichen Unterfangen entwickelt. Denn Serveta Hahn kennt den Geburtsort ihres Vaters nicht und weiß nicht, wo im Kosovo sie ansetzen könnte, um ihre Herkunft nachzuweisen. Laut einer Anwältin, die die Familie beauftragte und die mit Hilfe eines Dolmetschers bei den Behörden recherchieren sollte, ist auch das Original ihrer Geburtsurkunde nicht mehr aufzutreiben, berichtet Andreas Hahn. „Wir haben leider weder das Geld, noch genügend Ansatzpunkte und Kenntnisse, um in den Kosovo zu reisen und selbst vor Ort zu recherchieren“, sagt Andreas Hahn. „Vermutlich würden wir dort auch nichts finden.“
Das Paar will aber nicht aufgeben und hofft, noch einen juristischen Ansatzpunkt zu finden, der ihnen weiterhilft. „Wenn man heute ein guter Fußballer ist, dann geht das ruckzuck mit einer Einbürgerung“, grollt Andreas Hahn. Wenn man aber mehr als 20 Jahre in Deutschland lebt und hier vier Kinder geboren hat, reicht das nicht. „Ich kann diesen Behördenstarrsinn nicht verstehen“, sagt der 52-Jährige und nimmt seine Frau noch ein bisschen fester in den Arm.
