STAPELFELD - Die Reise zu einem Interview mit dem großen französischen Philosophen Jean-Paul Sartre nach Paris erwies sich für Rupert Neudeck als schicksalhaft: Damals habe er von einem Bekannten gehört, dass 40 000 Vietnamesen auf einer „Ratteninsel“ (Neudeck) vor der Malaysischen Küsten eingepfercht seien. Die Franzosen wollten eine Hilfsaktion auf den Weg bringen und suchten nach Geldgebern. So nahm die Geschichte der Hilfsaktion durch die „Cap Anamur“ ihren Anfang.
Am Montag referierte Rupert Neudeck, der vor 30 Jahren das Komitee Cap Anamur gründete und mit dem Schiff gleichen Namens mehr als 10 000 Vietnamesen aus dem südchinesischen Meer rettete, über die Geschehnisse in der Katholischen Akademie Stapelfeld. In einem Grußwort erinnerte Landrat Hans Eveslage an die 150 Boat People, die in den 13 Städten und Gemeinden des späteren Landkreises Cloppenburg neue Heimat gefunden hätten. Heute lebten hier 7320 Ausländer aus 117 verschiedenen Staaten – viele von ihnen seien Erntehelfer. Diese Zahl bedeute ein Herausforderung zur Integration, die nur dann gelingen könne, wenn die Kultur des Anderen respektiert und akzeptiert werde.
Niedersachsens Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), selbst Vietnamesisch-stämmig, sagte, er habe – wie die Boat People – Glück gehabt, nach Deutschland zu kommen und mit offenen Armen aufgenommen worden zu sein.
Neudeck erzählte, dass sich die Lage im südchinesischen Meer dramatisch verschärft habe, als der malaysische Innenminister in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1979 erklärte, keine weiteren Flüchtlinge aus Vietnam aufnehmen zu wollen. Neudeck erinnerte an den Mut des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der sich damals bereit erklärt hatte, die Flüchtlinge aufzunehmen – auch gegen große Widerstände von Seiten der Politik. „Das war eine plebiszitäre Aktion, eine Aktion der Gesellschaft“, sagte Neudeck mit Verweis auf die hohe Spendenbereitschaft der Bevölkerung schon kurz nach Ausstrahlung eines Fernsehbeitrags.
Trotz des großen Erfolgs der Aktion seien vermutlich rund 150 000 Menschen im südchinesischen Meer ertrunken, so Neudeck. Bis 1982 habe man mit der „Cap Anamur“ Flüchtlinge aus dem Meer gerettet – bis die Garantie, die zum Einlaufen in den Hafen eines Anrainerstaates notwendig war, nur noch für den Hamburger Hafen ausgestellt wurde – „das Todesurteil für die Cap Anamur“, so Neudeck.
