Cuxhaven/Berlin - An einer Autobahnraststätte auf dem Weg zur Küste stehen Tieflader mit Turmteilen für die Windgiganten. Ebenso warten in Häfen wie Cuxhaven Windradkomponenten darauf, per Schiff hinaus in der Nordsee verfrachtet zu werden. Doch was bringt ein Offshore-Windpark, wenn der Netzanschluss nicht absehbar ist?
Die Probleme des staatlichen niederländischen Netzbetreibers Tennet, der 2010 das Netz des Versorgers Eon übernommen hat, sind bekannt. Das Unternehmen wurde wohl überrascht von der Energiewende und der Ausbauwelle in der Nordsee.
Windanlagen mit einer Leistung von bis zu 10 000 Megawatt sollen bis 2020 installiert sein. Doch Tennet mangelt es an Geld, 5,5 Milliarden Euro an Investitionen sind zwar finanziert. Wenn alle geplanten Projekte realisiert werden, müssten weitere 15 Milliarden Euro her. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will die Probleme an diesem Donnerstag mit seinem niederländischen Amtskollegen Maxime Verhagen besprechen.
Gerüchte, die Versicherer Allianz oder Munich Re stünden in den Startlöchern, um das Netz zu übernehmen, könnten eher Wunschdenken sein. Beide Unternehmen äußern sich zu solchen Spekulationen nicht beziehungsweise zurückhaltend. Und Tennet hat bisher nach eigenen Angaben nicht die Absicht, zu verkaufen.
Doch es sind die kleinen Nadelstiche, die dem in Bayreuth beheimateten Übertragungsnetzbetreiber zusetzen – und die Geduld im Wirtschaftsministerium scheint endlich zu sein. Tennet dürfte es ungelegen kommen, dass in dieser Atmosphäre als erstes Unternehmen der Projektierer Windreich wegen Verzögerungen der See-Anschlüsse ein Missbrauchsverfahren bei der Bundesnetzagentur gegen Tennet angestrengt hat. Im schlimmsten Fall könnte Tennet von einem Zivilgericht zu einem Schadenersatz in Millionenhöhe verurteilt werden.
Rösler hat mit Umweltminister Peter Altmaier (CDU) Haftungsregeln für See-Windparkanschlüsse auf den Weg gebracht, um Investoren Planungssicherheit zu bieten. Wenn durch äußere Umstände die Leitungen außer Betrieb gesetzt werden, sollen die Schäden per Sonderumlage weitgehend auf den allgemeinen Stromverbraucher abgewälzt werden. In diesem Fall aber müsste Tennet den Schaden alleine stemmen.
Am 12. September wird nach Angaben der Netzagentur verhandelt. „Wir wollen natürlich Erlöse aus produziertem Strom und nicht Schadenersatzerlöse“, sagt der Windreich-Vorstandsvorsitzende Willi Balz. Er ist ein Offshore-Pionier, der früh das Potenzial entdeckt hat und laut eigenen Angaben 35 Prozent der Standortrechte in der Nordsee kontrolliert. Bei anderen Projekten in der Nordsee mache Tennet eine gute Arbeit, betont Balz.
Das Windpotenzial in der Nordsee sei einfach ein Geschenk Gottes, so Balz. Doch wenn dieses Potenzial nicht bald richtig genutzt werden kann, wird die Luft für Tennet dünn.
